Nur wenige ungarische Komponisten waren so eng mit Wien verbunden wie Emmerich Kálmán. Der in Siófok geborene Komponist erhielt seine Ausbildung in Budapest, doch nach seinem ersten großen Erfolg, Tatárjárás (Ein Herbstmanöver), zog er bald nach Wien – und wurde hier weltberühmt.
Eigentlich hat er in Wien mehr Erinnerungsorte als in Budapest. An beiden Wohnsitzen erinnern Gedenktafeln: eine in der Paulanergasse 12 im 4. Bezirk, wo er von 1912 bis 1923 lebte, die andere in der Hasenauerstraße 29 im 18. Bezirk, wo er von 1930 bis 1939 wohnte; von dort floh er nach Zürich. Seine Büste steht im nahegelegenen Türkenschanzpark, im Raimundtheater und im Theater an der Wien. Sein Grab befindet sich am Zentralfriedhof. In Hietzing trägt eine Straße seinen Namen.

Er wurde 1882 in Siófok als drittes von sechs Kindern der Familie Koppstein geboren. Die Familie lebte zunächst in finanzieller Sicherheit: Károly Koppstein handelte mit Getreide und war unternehmerisch tätig. Er war bekanntlich „Lokalpatriot und Kulturförderer“ und wirkte aktiv an der Stadtentwicklung mit: Er beaufsichtigte die Tätigkeit der Sparkasse der Balaton-Region bzw. unterstützte diese als Vorstandsmitglied und gehörte dem Gemeinde-Aufbau- und Entwicklungsausschuss an. Zusätzlich vermietete die Familie Zimmer, so auch an den Geiger Ferenc Liedl – ein Umstand, der indirekt das musikalische Interesse des Sohnes beförderte. Imre (damals noch Koppstein) besuchte die israelitische Volksschule in Siófok, dort lernte er Deutsch. In dieser Zeit nahm er auch seine ersten Klavierstunden.
Die Familie ging jedoch in Konkurs und zog 1891 nach Budapest; die Kinder wurden bei Verwandten untergebracht. Imre besuchte das Evangelische Hauptgymnasium am Deák tér und schrieb sich parallel in eine Musikschule ein; üben konnte er bei einer seiner Tanten. In dieser Zeit änderte er seinen Familiennamen von Koppstein in Kálmán.
Nach der Matura wurde er an der Musikakademie im Hauptfach Klavier aufgenommen; auf familiären Druck studierte er zusätzlich Rechtswissenschaften, schloss das Studium sogar ab, machte jedoch keinen Doktor. Das Musizieren nahm er so ernst, dass er sich vom vielen Üben eine Sehnenscheidenentzündung zuzog – er wechselte zum Kompositionsstudium. Das war das große Glück der ungarischen Operette. Anfangs dachte er natürlich nicht daran, im leichten Genre zu komponieren, doch seine Laufbahn in der klassischen Musik blieb ohne Erfolg. Der Legende nach war er so verzweifelt, dass er drohte: „Wenn das so weitergeht, mache ich etwas Schreckliches … ich werde eine Operette schreiben!“ Auf Drängen seiner Freunde – darunter Albert Szirmai und Viktor Jacobi, spätere Operettenkomponisten, sowie der Schriftsteller Ferenc Molnár – begann er Couplets zu schreiben, was ihn direkt in die Welt der Operette führte.

Durch einen Zufall erhielt er den Auftrag, die Musik zu Károly Bakonyis Libretto „Tatárjárás“ (Ein Herbstmanöver) zu komponieren. (Bakonyi war damals ein anerkannter Librettist; „János vitéz“ lief gerade mit Sári Fedák in der Titelrolle am Király Színház auf Hochtouren.) Kálmán mietete ein Zimmer in Kroisbach (Fertőrákos) und schrieb dort seine erste Operette, „Tatárjárás“ (Ein Herbstmanöver). Wenige Tage nach der Premiere am 22. Februar 1908 sahen die Direktoren des Wiener Theater an der Wien, Vilmos Karczag und Karl Wallner, die Vorstellung im Vígszínház (Lustspieltheater Budapest). Die Wiener Premiere fand im Jänner 1909 unter dem Titel Ein Herbstmanöver statt. Und noch im selben Jahr wurde das Stück in Hamburg, Berlin, Kopenhagen, London und New York aufgeführt.
Emmerich Kálmán zog nach Wien und schrieb „aus der Ferne“ sein nächstes Stück für das Vígszínház. Az obsitos (Der Veteran) wurde kein großer Erfolg, wurde jedoch auch in Wien aufgeführt. Den deutschen Text schrieb Victor Léon, der mit Johann Strauss Sohn und Franz Lehár gearbeitet hatte. Die nächste Operette, „Cigányprímás“ (Der Zigeunerprimas), entstand bereits mit deutschem Text für das Johann-Strauß-Theater und wurde erst ein Jahr später, 1913, am Király Színház in Budapest mit Sári Fedák herausgebracht. Das wurde sein zweiter Welterfolg.
Auf den dritten musste man nicht lange warten – doch da brach der Erste Weltkrieg aus, und die Theater schlossen vorübergehend. Kálmán zog nach Bad Ischl und schrieb Die Csárdásfürstin. Auch dieses Mal entstand das Original auf Deutsch, mit einem Libretto von Leo Stein und Béla Jenbach; ein Jahr später übertrug Andor Gábor den Text ins Ungarische. Die Wiener Premiere war im November 1915, die Budapester – wiederum im Király Színház – ein Jahr später. (Kleine Kuriosität: Für die Aufführung im Budapester Operettentheater wurde das Stück 1954 von Dezső Kellér und István Békeffi für die damals bereits 61-jährige Hanna Honthy umgeschrieben – so wurde „Cecília“ zu einer der Hauptrollen. Eine weitere bedeutende Bearbeitung schufen die Brüder Mohácsi 1993 für die legendäre Produktion am Csiky-Gergely-Theater in Kaposvár.)
Anlässlich der Budapester Premiere sagte Emmerich Kálmán: „Ich freue mich sehr, dass das Stück nach einem Jahr Wanderschaft endlich heimgekehrt ist, und ich bin glücklich, meine Musik auf Ungarisch gesungen zu hören – von einem ungarischen Orchester gespielt. Sie klingt fast feuriger und wärmer. Man versteht, dass diese Musik von hier stammt – Gott gebe, dass sie auch hier ihren Boden findet. Das Libretto kommt unverändert vor das Budapester Publikum, in der Übersetzung von Andor Gábor. Diese Arbeit gehört zu seinen besten: Jeder Vers ist voller Rhythmus, die Refrains sind von Humor und Wärme getragen. Ich halte es für wichtig zu betonen, dass am Libretto keinerlei Änderungen vorgenommen wurden, denn nach der Wiener Premiere wurde mir in Ungarn ungerecht vorgeworfen, im Stück träten Csikós, Schweinehirten und Gendarmen auf.“
Unermüdlich komponierte er weiter – Die holländische Frau, Die Bajadere –, dann 1924 Gräfin Mariza. Darin erklingt das von Zsolt Harsányi ungarisch bearbeitete, allseits bekannte Lied Szép város, Kolozsvár, das jedoch bereits am Tag nach der Wiener Premiere halb Wien mit dem Text Komm mit nach Varasdin sang. Ringó vállú csengeri violám ging als Braunes Mädel von der Puszta in die österreichische Erinnerung ein. Nach Kálmáns eigener Aussage kam in diesem Werk „die ungarische Seele“ amstärksten zum Ausdruck: „In der Musik habe ich das Ungarische noch stärker herausgearbeitet als bisher. Etwas Wildes, Herb-Bitteres zieht sich durch die Melodien. Das ganze bittere ungarische Schicksal wollte ich darin fühlbar machen.“ Offenbar ist ihm das gelungen, denn der Wiener Korrespondent der Budapester 8 Órai Ujság schrieb über die Generalprobe: „Ohne Übertreibung kann man sagen, dass Emmerich Kálmáns neue Operette Wien für einen Tag wieder ins Zentrum des internationalen Theaterlebens rückte. Allerdings war Wien für dieses Interesse fast nur Bühne; die Seelen flogen schon beim ersten Takt nach Ungarn, dessen Stimmung, Temperament, Lebensfreude und Verbitterung Emmerich Kálmán in seiner neuen Musik packend zum Klingen bringt. Ausgehend von Rhythmen ungarischer Volksmusik ist beinahe jede Nummer der Gräfin Mariza glänzend ungarisch – nicht in Schnüren und Borten, nicht in äußerlichen Zierraten, sondern im Innersten. Diese Musik, die Emmerich Kálmán im strahlenden Gewand eines modernen Orchesters der Welt präsentiert, ist szenisch so wirkungsvoll verarbeitet, dass sie schlicht nicht zu übertreffen ist. […] Bei der Generalprobe, deren Publikum in Wien gewöhnlich reserviert und kühl ist, feierten heute stürmische Ovationen Emmerich Kálmán.“


Noch einige Jahre wurde Kálmán gefeiert: Die Zirkusprinzessin 1926, Die Herzogin von Chicago 1928, Die Veilchen von Montmartre 1930, Der Teufelsreiter 1932, Kaiserin Josephine 1937 – bis in der Nacht des 13. März 1938 um Mitternacht SA-Uniformierte an der Tür der Kálmán-Villa in Döbling klopften. Der Komponist lebte dort bereits mit seiner Familie; 1929 hatte er die polnisch-russische Tänzerin Vera Makinska geheiratet. Drei Kinder wurden geboren: Elisabeth, Charles und Yvonne. Ihre Tür stand stets offen; ihr Haus wurde zu einem Zentrum des Gesellschaftslebens. Ihre Köchin war die oberungarische Ungarin Mária Pervics, um die sich – der Anekdote nach – Miklós Horthy und Gyula Gömbös bemühten; Kálmán bot Frau Pervics jedoch so viel Geld, dass sie nach Wien kam. Am Ende war sie 50 Jahre lang die Köchin der Familie; ihre Küche liebten Wiener Freundinnen und Freunde ebenso wie später jene in Amerika.
Keineswegs zufällig gehörten sie zu den ersten, die die SA aufsuchte. In jener Nacht zogen die Männer zwar noch unverrichteter Dinge ab, doch am Morgen kehrten sie zurück und ließen sich Kálmáns Auto samt Chauffeur „freiwillig“ aushändigen – dessen Lohn Kálmán weiterhin bezahlte. Zwei Tage später erschienen sie erneut; Kálmán wies mit Papieren nach, dass das Gebäude einem Schweizer Staatsbürger gehörte. Für 1200 Schilling stellten die SA-Leute eine Bestätigung aus, dass das Haus „überprüft“ worden sei. Bald reiste die Familie nach Zürich, von dort nach Paris und 1940 weiter nach Hollywood. Die MGM-Studios wollten Den Zigeunerprimas und Gräfin Mariza verfilmen, letztlich kam es zu keiner Umsetzung. Eine Zeitlang lebten sie in Hollywood und lernten die Crème der Filmwelt kennen; häufige Gäste ihrer Soireen waren Billy Wilder, Greta Garbo, Clark Gable, Marlene Dietrich und Arnold Schönberg. Da jedoch in diesen Jahren Operettenfilme kaum gefragt waren, zogen sie nach New York; Kálmán schrieb weitere Operetten, wurde Ehrendoktor des College of Music und dirigierte eigene Werke. Auch dort wurden sie zum Mittelpunkt des Gesellschaftslebens – kein Wunder, lebte doch in New York der größte Teil der ausgewanderten Ungarn. Zum Freundeskreis gehörten Béla Bartók, Ferenc Molnár, Oscar Hammerstein und Eugene Ormandy.
1945 erfuhr er aus einem Zeitungsartikel, dass seine beiden Schwestern Ilonka undEmília dem Holocaust zum Opfer gefallen waren; sie starben in der Nähe von Győr. 1949 erlitt er einen Herzinfarkt. Er beschloss, nach Europa zurückzukehren. Zunächst reisten sie nach Baden-Baden, verbrachten dann einige Zeit in Wien, besuchten Bad Ischl, wo er seinen größten Erfolg, Die Csárdásfürstin, geschrieben hatte, weiter ging es nach Paris; zum Jahresende kehrten sie in die USA zurück, wo er kurz nach der Ankunft einen Schlaganfall erlitt. 1953 starb er in Paris, wohin er zur Hochzeit seiner älteren Tochter gereist war. Seine jüngere Tochter Yvonne erinnerte sich so an die letztenJahre: „1949 bekam er in New York den ersten Herzinfarkt. Ich war 13 und sehr erschrocken. Wir reisten nach Wien und zurück in die Staaten. Vor Weihnachten wurde er sehr krank. Schlaganfall. Die halbe Gesichtshälfte war gelähmt, er konnte nicht sprechen. Man verstand ihn nicht. Ich lernte mit ihm wieder sprechen und schreiben. Zu dieser Zeit gab es bei uns kein reges Gesellschaftsleben mehr. Drei Jahre später starb er. Er ist für immer eingeschlafen. Ich war sechzehn.“

Sein letztes Werk, Arizona Lady, vollendete sein Sohn Charles. Begraben wurde er – seinem Wunsch entsprechend – in Wien am Zentralfriedhof.
Seine Bedeutung und sein Einfluss waren weit größer, als es das heutige Gedächtnis widerspiegelt. Aus seinen Operetten entstanden zahlreiche Filme, vor allem deutsche, sowjetische und ungarische Produktionen. Mit seinem Namen sind Dutzende von Schlagern verbunden, die jeder kennt – oft, ohne zu wissen, dass sie ursprünglich aus einer Operette stammen. Sein Geburtshaus wurde in ein Gedenkhaus umgewandelt, vor dem Budapester Operettentheater steht seine Statue. Seinen Namen trägt auch einer der EuroNight-Züge zwischen Budapest und München. Und wenn das noch nicht genug wäre: Die isländische Fußballhymne ist eine Bearbeitung eines Liedes aus ’Die Veilchen von Montmartre’. Versuchen Sie ruhig einmal mitzusingen: Heut’ Nacht hab’ ich geträumt von dir. Na, was habe ich gesagt?
Titelbild: Emmerich Kálmáns Statue im Türkenschanzpark, PictureObelix
Text: Zsófi Rick
Übersetzung: Pathy

















