Am 23. Oktober, einem der prägendsten Tage der ungarischen Geschichte, füllte sich der Große Saal des Collegium Hungaricum erneut bis auf den letzten Platz. Zum 69. Jahrestag der Revolution und des Freiheitskampfes von 1956 versammelten sich Mitglieder der ungarischen Gemeinschaft in Österreich, Vertreter kirchlicher und zivilgesellschaftlicher Organisationen sowie lokale ungarische Institutionen, um gemeinsam der Helden zu gedenken.
Gastgeber der Veranstaltung war das Collegium Hungaricum; im Programm ließen das Ensemble Duna Művészegyüttes und die Göncöl-Band die lebendige Tradition der ungarischen Kultur aufleben. Die Atmosphäre der Gedenkfeier war von Würde und Zusammenhalt geprägt. Die Ansprachen – so unterschiedlich ihre Blickwinkel auch waren – vermittelten dieselbe Botschaft: Die Idee der Freiheit verpflichtet auch heute, und die tragende Kraft der Gemeinschaft ist zeitlos.

Eröffnet wurde die Veranstaltung von Edit Szilágyiné Bátorfi, der ungarischen Botschafterin in Wien.
In ihrer Rede rief sie das Erbe der Ereignisse von 1956 und die Verantwortung in Erinnerung, die auf den Schultern derer lastet, die sich erinnern. „Den Freiheitsdrang konnten weder Panzer noch Repression aus den Herzen der Menschen tilgen“, betonte sie. Die Botschafterin erinnerte daran, dass nach der Revolution von 1956 Zehntausende in Österreich Zuflucht – und viele von ihnen auch eine neue Heimat – fanden. Diese historische Verbindung verleiht den Festen der ungarischen Gemeinschaft in Wien bis heute besondere Bedeutung. Ihren Worten zufolge war die Diaspora stets Hüterin des Gedenkens und des Zusammenhalts, insbesondere in Zeiten, als in Ungarn noch nicht frei über die Revolution gesprochen werden durfte. Es leben immer weniger Ungarn von ’56; ihre Zeugenschaft ist ein unersetzlicher Schatz. „Es ist die Verantwortung unserer Generation, diesen Schatz zu bewahren und weiterzugeben“, sagte sie. „Deshalb gedenken wir heute nicht nur, sondern übernehmen auch eine Aufgabe. Wir rufen die jungen Menschen auf, den Stab des Gedenkens zu übernehmen.“ Nach Ansicht von Szilágyiné liegt die Stärke der ungarischen Gemeinschaft in ihrem Zusammenhalt – selbst dann, wenn wir in vielen Fragen unterschiedlicher Meinung sind oder persönliche Sympathien bzw. Interessen anderes diktieren. „Wenn wir gemeinsam die Nationalhymne singen, wenn wir gemeinsam vor den Helden das Haupt neigen, dann vereinen sich Vergangenheit und Gegenwart, dann werden das Land Ungarn und die Ungarn in der weiten Welt eins“, schloss die Botschafterin ihre Rede.

Szilvia Mentsik, Vorsitzende des Dachverbands der Ungarischen Organisationen in Österreich, zeigte das menschliche Antlitz der Revolution. Sie rief in Erinnerung, dass die Revolution von 1956 nicht von Politikern oder Feldherren, sondern von gewöhnlichen Menschen – vor allem von „jungen Menschen, wie jenen, die auch heute unter uns leben” – ausgelöst wurde. Sie waren es, die sagten: Es reicht – mit der Angst, der Lüge und dem Schweigen. Die wahre Kraft der Revolution lag ihrer Ansicht nach darin, dass der Mut aus dem Herzen kam, nicht aus einer Ideologie. Die Revolution von 1956 sei nicht nur Teil der Geschichte, sondern der Geburtsmoment der Freiheit – und jede Generation müsse ihre Bedeutung von Neuem verstehen. Ein eigenes Kapitel widmete sie den Frauen, die im Hintergrund, still, aber heldenhaft ihren Dienst taten: „Da waren die Mütter, die nicht wussten, ob ihr Sohn zurückkehrt. Da waren die Mädchen, die Molotowcocktails mischten und in den Krankenhäusern ein Gebet für die Verwundeten flüsterten. Sie waren die stillen Heldinnen.“ Sie wandte sich auch der Gegenwart zu und zog Parallelen zwischen dem Mut der Helden von 1956 und der heutigen, von Unsicherheit und Konflikten belasteten Lage in Europa. Sie warnte, dass Freiheit kein gegebenes Gut sei, sondern ein Wert, der ständig bewahrt werden müsse. „Denn die Freiheit beginnt dort, wo die Angst endet“, zitierte sie István Bibó und fügte hinzu, unsere Aufgabe sei es heute, 69 Jahre nach 1956, nicht nur die Flamme der Freiheit zu hüten, sondern mit ihr Frieden zu entzünden. Abschließend sprach sie darüber, dass jede Kerze, die an diesem Abend entzündet wird, nicht nur von der Vergangenheit spricht, sondern auch von der Zukunft: vom Glauben, vom Mitgefühl und von der Sehnsucht nach Frieden. „Wir zünden Kerzen an für den Mut, das Mitgefühl und den Glauben. Ihr Licht soll in Wien, in Budapest und in jedem ungarischen Herzen leuchten.“

Andrea Seidler, Vorsitzende des Zentralverbands Ungarischer Vereine und Organisationen in Österreich, erinnerte in ihrer Rede an das Schicksal der Flüchtlinge nach der Revolution von 1956 und an die menschliche Seite des Neubeginns. Ihren Worten zufolge war 1956 nicht nur das Jahr des Freiheitskampfes, sondern für viele ungarische Familien auch die Zeit eines vollständigen Neuanfangs. Nach der Niederschlagung der Revolution verließen mehr als 180.000 Menschen Ungarn – darunter auch ihre Familie. Im Burgenland fanden sie ein neues Zuhause, zuerst in Rechnitz, später in Oberwart, wo – wie sie sagte – die Hilfsbereitschaft der Einheimischen und das Verständnis der österreichischen Gemeinschaften den Neuanfang ermöglichten. „Das Gedenken bedeutet für mich nicht in erster Linie Heldentum oder Opferbereitschaft, sondern jene gewöhnlichen Menschen, die ihre Heimat verlassen mussten oder sich entschieden, sie zu verlassen – in der Hoffnung auf ein besseres, freieres Leben –, und die sich in einer neuen Umgebung behaupten mussten“, sagte sie. „Seitdem sind 69 Jahre vergangen; die historische Bedeutung der Ereignisse hat nicht abgenommen, aber vielleicht erkennen wir heute die Bedeutung der persönlichen Geschichten umso mehr. Durch sie wird die Vergangenheit lebendig, und durch sie können wir das Gedenken an die nächste Generation weitergeben“, schloss Andrea Seidler ihre Rede.

Márton Méhes, Direktor des Collegium Hungaricum, wies in seiner Ansprache darauf hin, dass 1956 nicht nur politische oder gesellschaftliche, sondern auch eine tiefgreifende kulturelle Bedeutung hatte. Viele Künstler drückten das Erwachen des nationalen Selbstbewusstseins und den Freiheitsdrang mit Musik, Gedichten, Tanz oder Präsenz auf der Bühne aus. Der legendäre Schauspieler Imre Sinkovits rezitierte am 23. Oktober am Petőfi-Denkmal vor zehntausenden Menschen das „Nationallied“. Dieser Moment – so Méhes – „wurde zum Symbol der Revolution“, und Sinkovits bewahrte auch in Zeiten der Repression seine Unabhängigkeit und wurde so zum Vorbild künstlerischer und moralischer Standhaftigkeit. Der Direktor ging auch darauf ein, dass die Volkstanz- und Gesangsensembles während der Revolution nicht unberührt blieben. Der bekannteste Fall war der „Bauernaufstand“ des Honvéd-Kunstensembles in Moskau. Die Truppe, die sich auf dem Heimweg aus China befand, verweigerte in Moskau den vom sowjetischen Regime gewünschten Zusatzauftritt. „Das Ensemble entschied einstimmig: Sie seien nicht bereit, die ungarisch-sowjetische Freundschaft zu bekunden, während zuhause Blut fließt“, rief er das Ereignis in Erinnerung. Für den Protest bezahlten sie einen hohen Preis: Nach der Heimkehr wurde das Ensemble faktisch aufgelöst und erst Jahre später wieder auf die Bühne gelassen.
Nach Ansicht von Márton Méhes „zeigt dieser Fall deutlich, dass auch die Künstler das Risiko des Eintretens für die Revolution auf sich nahmen“. Die Mitglieder des Ensembles wurden nicht von politischen Direktiven geleitet, sondern „von Heimatliebe und künstlerischem Gewissen“, fügte er hinzu. Abschließend erinnerte der Direktor das Publikum daran, dass man heute die Geschichte der Revolution nicht verschweigen und den Kindern nicht im Flüsterton erzählen müsse. „Wir gedenken frei der Helden, der Mutigen“, sagte er.





Nach den Gedenkreden folgte das Programm des Duna Művészegyüttes, des Donau-Kunstensembles, das im Rahmen des Petőfi-Kulturprogramms des ungarischen Ministeriums für Kultur und Innovation stattfinden konnte. Die Musik steuerte die fantastische Göncöl-Band bei; beteiligt war auch der mit dem Aase-Preis ausgezeichnete Schauspieler Károly Tóth; inszeniert wurde der Abend vom künstlerischen Leiter des Ensembles, dem verdienten Künstler Zsolt Juhász. In der Aufführung „Ungarische Tanzbilder“ wurden Tänze aus Somogy, Kalotaszeg, dem Mezőföld, aus dem Waag–Gran-Gebiet und dem Komitat Békés lebendig, dazu fanden traditionelle Hirten- und Männertänze ihren Platz. Die dynamischen Choreografien boten eindrucksvolle Momentaufnahmen aus der bäuerlichen Lebenswelt und gewährten Einblick in den Reichtum der ungarischen Volkstanzkultur.
Titelbild: Zsófi Rick
Übersetzung: Pathy
























