Das Literaturmuseum der Österreichischen Nationalbibliothek würdigt László Krasznahorkai und seinen Literaturnobelpreis mit einer besonderen Fotoausstellung. Die Schau „Krasznahorkai László. Aus dem Archiv eines weltberühmten Autors“ präsentiert ausgewählte Materialien aus dem gesamten Nachlass des Schriftstellers. Eröffnet wurde die Ausstellung am 10. Dezember 2025 – an jenem Tag, an dem Krasznahorkai in Stockholm den Literaturnobelpreis entgegennehmen konnte – und sie ist bis 28. Juni 2026 im Foyer des Museums zu sehen.
Die in elf thematischen Bildrahmen verdichtete Werkschau folgt der Chronologie seines Lebens und führt mit persönlichen Fotografien, Manuskriptseiten und Auszügen aus dem Briefwechsel durch Krasznahorkais Laufbahn. Zu sehen sind unter anderem Jugendfotos aus der Zeit, als er Mitglied einer Rockband war, Aufnahmen von Reisen – etwa aus Japan – sowie Momente mit Freunden und Schriftstellerkollegen wie Allen Ginsberg und Péter Esterházy. Manuskript- und Notizseiten geben Einblick in Krasznahorkais literarische Entwicklung – vom Sátántangó bis zu den späteren großen Romanen.



Die ersten beiden Einheiten führen zurück nach Gyula und Szeged. Krasznahorkai wurde 1954 in Gyula geboren, besuchte dort die Grundschule und das Gymnasium (ein Foto zeigt auch ein Klassentreffen) und studierte nach dem Militärdienst in Szeged Jura, verbrachte jedoch zugleich längere Zeit in der ungarischen Provinz. In seiner Kindheit erhielt er klassischen Klavierunterricht. Als junger Mann war er Mitglied der Rockband „Flamingó“. Über diese Zeit berichtet er in einem Interview auf litera.hu: „In meiner Teenagerzeit interessierten mich Rock und Jazz, das heißt, ich rebellierte pflichtschuldig gegen meine Familie und meine Stadt. Mit 19 begann ich im Land herumzureisen, alle drei bis vier Monate wechselte ich meinen Wohnort, ging zu den sogenannten ‚primitiven‘ Menschen und lebte ihr Leben. Sie waren arm, sie hatten eine bestimmte Kultur – und sie waren nicht im Elend, nicht der Kultur beraubt; denn Armut und Elend sind zwei verschiedene Dinge. Ich war Bergarbeiter, Nachtwächter in einer Rinderfarm, und neben vielen anderen Tätigkeiten arbeitete ich in Kulturhäusern in Südungarn: in sechs Dörfern leitete ich sechs Kulturhäuser.“

Vielleicht widmet die Ausstellung seiner Beziehung zur Musik auch deshalb einen größeren Raum: Zwar gab er das aktive Musizieren auf, doch in seinen Texten ist das Verhältnis zur Musik formal und stilistisch immer wieder spürbar. Es erscheinen kreisförmige Strukturen, Leitmotive und Variationen. Seine langen, komplexen Sätze bauen sich durch modifizierte Wiederholungen und einen präzise kalkulierten Sprachrhythmus auf. Beim Schreiben liest er seine Sätze häufig laut.
Eine besonders persönliche Ebene der Ausstellung ist die Darstellung von Krasznahorkais Wohnorten. Auf den Fotos sieht man ihn in Feldern und weiten Landschaften in Gyula, Szentendre und Pilisszentlászló – in jenen Räumen, die nicht nur biografische Stationen, sondern auch prägende Schauplätze seines Werks sind. Diese Orte bildeten die Kulisse seiner frühen Romane und Erzählungen, in denen er die dunkle, oft surreal anmutende ländliche Welt des sozialistischen Ungarns zeichnet. Verfallene Dörfer, öde Grenzlandschaften und die Atmosphäre einer verlangsamten Zeit sind dabei nicht bloß Hintergrund, sondern eine der wichtigsten gestaltenden Kräfte der Geschichten. Nicht zufällig wurden auch in den Filmadaptionen von Sátántangó und Die Melancholie des Widerstands diese Schauplätze zu zentralen Drehorten. Die Landschaft lebt so nicht nur im literarischen Text weiter, sondern auch im Film – zugleich als realer geografischer Raum und als Vision einer eigenen, apokalyptischen Welt.

Eine eigene Tafel zeigt seine Beziehungen zu Weggefährten. Mit seinem ersten Roman, dem Sátántangó, gelang ihm 1985 der literarische Durchbruch, der ihn schlagartig ins Zentrum der ungarischen Gegenwartsliteratur rückte. (1994 drehte Béla Tarr nach dem Roman sein siebeneinhalbstündiges Werk, das heute Kultstatus besitzt. Auch später arbeiteten Tarr und Krasznahorkai zusammen; 2000 wurden die Werckmeister Harmonien uraufgeführt, basierend auf dem Roman Die Melancholie des Widerstands. Die Drehbücher schrieb Krasznahorkai stets selbst.) Neben Imre Kertész – der 2002 als erster ungarischer Autor den Literaturnobelpreis erhielt – erregten damals besonders Péter Nádas und Péter Esterházy internationale Aufmerksamkeit. Der einflussreiche Autor Miklós Mészöly, den man oft als „Vater der jungen ungarischen Literatur“ bezeichnet, war auch für Krasznahorkai eine zentrale Figur. Mit bedeutenden bildenden Künstlern wie Imre Bukta und Pál Deim – die er aus Szentendre kannte – arbeitete er mehrfach zusammen.
Die nächsten Rahmen rufen die großen Werke, die Reisen und die internationalen Beziehungen in Erinnerung. Neben Manuskriptseiten des Sátántangó sind Dokumente zu Die Melancholie des Widerstands (1989) zu sehen, das zur Zeit des Systemwechsels als apokalyptische Bestandsaufnahme den Zerfall politischer und moralischer Werte zeigte. Besucherinnen und Besucher können Einblick in die Entstehung von Krieg und Krieg nehmen, dessen von New York bis Rom reichende Geschichte den Horizont der Weltliteratur öffnete – ebenso in den Arbeitsprozess von Herscht 07769, einem über vierhundert Seiten langen Text, der aus einem einzigen Satz besteht. Materialien zu Baron Wenckheim kehrt heim zeigen Notizen und Skizzen hinter der grotesken Messias-Geschichte; zu lesen ist auch ein Brief des amerikanischen Autors Thomas Pynchon, der seit Jahrzehnten zurückgezogen lebt und Öffentlichkeit meidet. Pynchon gratulierte Krasznahorkai im Juni 2015 zum Booker-Preis.



Der gesamte Nachlass Krasznahorkais befindet sich übrigens in der Österreichischen Nationalbibliothek. Der Autor selbst legte seine Manuskripte – auch unveröffentlichte – im März 2025 dort ab. Er begründete die Entscheidung damit, dass er sich als mitteleuropäischen Autor versteht, abwechselnd nahe Budapest, in Wien und in Triest lebt und seine Werke stark mit der österreichischen Literatur verbunden sind, insbesondere mit Franz Kafka, Robert Musil und vor allem Thomas Bernhard. (Die Nachlässe von Péter Esterházy, Péter Nádas und Imre Kertész befinden sich in Berlin.)
Begleitend zur Ausstellung wird fortlaufend ein sechsminütiger Ausschnitt aus Ádám Breiers Porträtfilm Der Baron kehrt heim gezeigt, in dem Krasznahorkai in seine Geburtsstadt Gyula zurückkehrt – das verleiht der künstlerischen Laufbahn eine noch persönlichere Dimension und verbindet den weltberühmten Autor wieder mit seinem Ausgangspunkt im Südosten Ungarns. Die gezeigten Manuskripte, Briefe, Fotos und Dokumente zeichnen nicht nur den Weg eines Schriftstellers nach, sondern ein Werk, das von der ungarischen Provinz bis ins Zentrum der Weltliteratur reicht. Die Ausstellung lädt dazu ein, in Krasznahorkais lange Sätze einzutauchen – und durch sie in eine aufgewühlte, zugleich faszinierend komplexe Welt.
Titelbild, Text: Zsófi Rick
Übersetzung: Pathy






















