Diaspora, Volksgruppe, Flüchtlinge, Migration und Transnationalität. Das Selbstbild der ungarischen Vereine in Österreich – wie schon aus dem Titel der 17. Kufstein-Konferenz hervorgeht – zeigt: Es gibt heute viele Arten, in Österreich ungarisch zu sein. Die Konferenz war heuer in mehrfacher Hinsicht ungewöhnlich: Zum ersten Mal fand sie am Sitz des Zentralverbands in Wien statt, und zu Gast waren nicht die Ungarinnen und Ungarn aus aller Welt, sondern die Mitgliedsvereine, die unter dem Dach des Verbands zusammengefasst sind. Stoßen die Vereine von Vorarlberg bis ins Burgenland auf ähnliche Herausforderungen? Lassen sich gemeinsame Anknüpfungspunkte finden, die eine Zusammenarbeit ermöglichen? Wir haben die Konferenz besucht.
In ihrer Begrüßung betonte Dr.in Andrea Seidler, Präsidentin des Zentralverbands, dass die ungarische Gemeinschaft in Österreich äußerst vielfältig ist: Zu ihr zählt die infolge der Grenzverschiebung zu Österreich gelangte autochthone burgenländische Volksgruppe, die Flüchtlinge von 1956 und deren Nachkommen, die auch in Wien als Volksgruppe anerkannt wurden, sowie die Diaspora, also jene Ungarinnen und Ungarn, die überwiegend in den 2000er-Jahren nach Österreich gezogen sind. Gemeinsam ist ihnen, dass sie sich in sprachlicher, kultureller und historischer Hinsicht von der Mehrheitsgesellschaft unterscheiden und im Zuge der Eingliederung in das neue Land hybride Identitäten ausgebildet haben. Da die mehr als 30 Mitgliedsvereine des Zentralverbands diese Vielfalt widerspiegeln und sich in letzter Zeit zahlreiche neue Vereine dem Verband angeschlossen haben, war es höchste Zeit für ein gegenseitiges Kennenlernen und einen intensiven Austausch. Im Namen der Botschaft der Republik Ungarn in Wien hieß Andrea Hanzséros die Anwesenden willkommen.


Die Konferenz begann mit wissenschaftlichen Vorträgen, die versuchten, die genannten Fragen in einen größeren Zusammenhang zu stellen. Im Eröffnungsvortrag präsentierte Dr. Ádám Németh, Mitarbeiter der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, die Ergebnisse des Projekts MIGWELL. Das Projekt untersuchte das subjektive Wohlbefinden der in Österreich lebenden Ungarinnen und Ungarn und kam insgesamt zu dem Ergebnis, dass sie zwar in der Regel über bessere materielle Lebensbedingungen verfügen als der ungarische Durchschnitt, das österreichische Durchschnittsniveau jedoch meist nicht erreichen. Die materielle Sicherheit geht häufig mit einer deutlichen Verarmung des sozialen Lebens einher; aufgrund der besser planbaren Zukunftsaussichten entscheiden sich dennoch nur wenige für eine Rückkehr. Stattdessen entwickeln sie sogenannte transnationale Identitäten: Sie „fahren nach Hause“ und versuchen, sich in beiden Ländern und Kulturen zu Hause zu fühlen.


Márta Csire, Lehrende am Institut für Finno-Ugristik der Universität Wien, untersuchte gemeinsam mit ihrer Kollegin Veronika Szabó die Ungarischkenntnisse jener Studierenden, die Ungarisch als Herkunftssprache in der Familie natürlich erworben haben, aber nur wenig Gelegenheit hatten, ihre Sprachkompetenz auch in institutionellen Rahmen zu entwickeln. Sie gehören zu den zweisprachigen Sprecherinnen und Sprechern, deren Sprachgebrauch sich sowohl von dem der Erstsprachlerinnen und Erstsprachler als auch von dem jener unterscheidet, die Ungarisch im Unterricht als Fremdsprache gelernt haben. In ihren schriftlichen Texten lassen sich Einflüsse des Deutschen erkennen – etwa bei kurzen und langen Vokalen oder in der Wortstellung. Márta mahnt jedoch, dies nicht als mangelnde oder fehlerhafte Sprachkenntnis zu deuten, sondern als Ausdruck der Verschränkung und kreativen Nutzung der von ihnen beherrschten Sprachen.




Dr. Ferenc Jankó, Mitarbeiter der Eötvös-Loránd-Universität und der Universität Sopron, nahm das Image Burgenlands und den Wandel seiner Identität von der Zeit der Monarchie bis in die Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg unter die Lupe. Die nach dem Ausgleich von 1867 positiv hervorgehobene ethnische Vielfalt führte beim Zerfall der Monarchie zur Zuspitzung widersprüchlicher Sichtweisen und zu Konflikten: Sowohl die deutschsprachige Bevölkerung als auch die Ungarinnen und Ungarn sahen sich selbst als Trägerinnen und Träger der Kultur in der Region. In den 1920er-Jahren galt Burgenland als südöstliche Bastion des Deutschtums; die ungarischen und kroatischen „Inseln“ traten nur selten in den Vordergrund. Die Region erschien selbst vielen Wienerinnen und Wienern als unbekanntes, zurückgebliebenes, exotisches Gebiet, das ihnen in touristischen Publikationen als romantische ländliche Idylle angepriesen wurde. Während der Zeit des Eisernen Vorhangs lag Burgenland an der Grenze zweier politischer Systeme; allmählich entwickelte jedoch auch das ungarische Erbe vor Ort touristische Anziehungskraft, und das ungarische Kulturleben erlebte einen Aufschwung.
In seinem Vortrag befasste sich der Historiker Dr. Ernő Deák, Chefredakteur der Bécsi Napló, mit der Geschichte der ungarischen Volksgruppe in Wien: Ursprünglich handelte es sich um Flüchtlinge, die zwischen 1945 und 1957 aus Ungarn kamen, aber dazu zählen auch jene, die 1968 die Tschechoslowakei oder gegen Ende der 1980er-Jahre im Zuge der sogenannten „Dorfzerstörung“ Rumänien verließen. Anfangs waren ihre Erfahrungen von Entwurzelung und Isolation geprägt; mit der Zeit wurden sie österreichische Staatsbürgerinnen und Staatsbürger und integrierten sich – auch über gemischte Ehen – zunehmend in die Aufnahmegesellschaft. Zur Bewahrung ihrer ungarischen Identität stützten sie sich stark auf Kirche und Vereine, und 1992 wurden die Wiener Ungarinnen und Ungarn offiziell als Volksgruppe anerkannt. In der Folge entstanden unter anderem der Zentralverband selbst und die Wiener Ungarische Schule. Viele Flüchtlinge von 1956 ließen sich selbstverständlich auch in anderen Bundesländern nieder – etwa in Tirol, der Steiermark, Oberösterreich und Salzburg –, doch fallen sie bis heute nicht unter das Volksgruppengesetz.

Im Anschluss an die Vorträge erhielten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer praktische Hinweise für die Vereinsarbeit: Norbert Bánhalmi, Marketingverantwortlicher des Zentralverbands, hob die Bedeutung der Digitalisierung hervor – etwa des Online-Ticketverkaufs und einer professionell gestalteten Website –, während Anna Hierholcz, Buchhalterin des Zentralverbands, einen Überblick über Förder- und Einreichmöglichkeiten gab.
Es folgte die Präsentation der teilnehmenden Mitgliedsvereine. Unter ihnen finden sich seit Langem bestehende Organisationen wie der Mittelburgenländische Ungarische Kulturverein, der Kulturverein der ungarischen Sprachgruppe in Oberösterreich, die Napraforgók, die Bornemisza-Péter-Gesellschaft oder die Ungarische Pfadfindergruppe Széchenyi István Nr. 72 sowie Vereine, die erst in den vergangenen Jahren gegründet wurden – wie das Ungarische Theater SVUNG in Wien, der Verein Wir Ungarn Füreinander in Vorarlberg oder FemConnect Graz. Zielgruppen und Tätigkeitsbereiche unterscheiden sich teilweise stark: Während in Vorarlberg erst vor Kurzem der ungarische Erstsprachunterricht gestartet wurde und man nun stärker auf kulturelle Veranstaltungen setzen möchte, wäre für den oberösterreichischen Kulturverein ein professioneller Online-Auftritt ein wichtiger nächster Schritt. Das SVUNG-Theater wünscht sich nach zehn Jahren eine eigene Spielstätte; der Mittelburgenländische Ungarische Kulturverein versucht mit kostenlosen Ungarischkursen, die Sprache in der Region zu erhalten. Im Allgemeinen lässt sich dennoch festhalten, dass alle Vereine – jeweils an die örtlichen Gegebenheiten angepasst – das Ziel verfolgen, Gemeinschaft zu bilden und zusammenzuhalten sowie die ungarische Sprache und Kultur zu leben und zu bewahren.




Den Abschluss der Veranstaltung bildete eine Improvisationstheater-Aufführung von SVUNG. In den Kaffeepausen und beim abendlichen Empfang – möglich gemacht durch das Team „BüféMI“ – wurden weitere Kontakte geknüpft und Kooperationen zwischen den Vereinen angebahnt. Die Impro-SVUNG-Gruppe erhielt bereits Einladungen nach Graz, Oberösterreich und Vorarlberg.
Website des Zentralverbands Ungarischer Vereine und Organisationen in Österreich.
Titelbild: Brigitta Fessel
Text: Anna Gazdik
Übersetzung: Pathy















