Vor zwanzig Jahren, am 14. November 2005, verstarb der Komponist, Pianist, Volksmusikforscher und Musikpädagoge Jenő Takács – eine der prägenden Gestalten des europäischen Musiklebens im 20. Jahrhundert. 1902 wurde er in einer ungarischsprachigen Familie im heutigen burgenländischen Cinfalva/Siegendorf geboren. Dr.in Éva Radics, emeritierte Professorin der Universität für Musik und darstellende Kunst Graz, kannte ihn gut und pflegte beinahe zwei Jahrzehnte lang eine Freundschaft mit ihm. In diesem Beitrag erinnert sie sich an ihn.
Jenő Takács wurde 1902 im westungarischen, ungarisch-kroatisch-deutschsprachigen Dorf Cinfalva geboren, das heute zum Burgenland gehört. „In der Esterházy-Straße 3 stand das Haus der Familie Takács. Von hier aus nahm die über vier Kontinente führende Laufbahn von Jenő Takács ihren Anfang – und hier endete sie auch. Dazwischen aber hat er – wie in einem Abenteuerroman – die Welt per Schiff, Kutsche, zu Fuß, zu Pferd, mit dem Auto und mit dem Flugzeug bereist. Als er 1902 zur Welt kam, war die Region noch ganz vom Geist der ungarischen Kultur geprägt. Mór Jókai lebte noch, und der ‚snajdige‘ Kaiser Franz Joseph führte die Monarchie mit sicherer Hand auf die Katastrophe zu. Als Alterspräsident unter den Komponisten seiner Zeit war Jenő Takács Zeuge des gesamten 20. Jahrhunderts.“ – so erinnert sich Éva Radics, die zwanzig Jahre lang mit dem Komponisten befreundet war.
„Er war ‚mein großväterlicher guter Freund.‘ Im Lauf der vielen Jahre war ich häufig in seinem Haus in Cinfalva zu Gast, oft auch gemeinsam mit meiner Familie. Wir haben unendlich viel miteinander gesprochen, er hat sehr oft für mich Klavier gespielt und mir seine eben fertiggestellten oder noch im Entstehen begriffenen Werke vorgespielt. Ich bewahre seine Briefe, Postkarten, CDs, Bücher sowie verschiedene Schriften und Noten auf.“
„Wir verehren ihn als pannonischen Meister, auch wenn er sich selbst – mit Hinweis auf seine ungarischen, italienischen und österreichischen Großeltern – als ‚monarchischen Cocktail‘ bezeichnete. Er sprach Ungarisch, Deutsch, Englisch, Französisch und Italienisch gleichermaßen fließend. Durch sein glückliches Naturell fühlte er sich in jedem Land in kurzer Zeit zu Hause. In Österreich gilt er als ungarischer Komponist, in Ungarn als Österreicher, und sein Professor an der Musikakademie, Joseph Marx, nannte ihn den ‚ägyptischen Bartók‘. Keine dieser Zuschreibungen trifft die Wirklichkeit ganz. Als seine engere Heimat empfand er das Grenzgebiet zwischen Ungarn und Österreich, das heutige Burgenland. In seine Heimat kehrte er aus den fernsten Regionen der Welt fast jedes Jahr zurück – dorthin zog es sein Herz“, erzählte Éva Radics über ihn. „Von Cinfalva brachte ihn täglich die Pferdekutsche der Zuckerfabrik in die Volksschule nach Sopron. Am Realgymnasium, dem heutigen Széchenyi-Gymnasium, legte er die Matura ab. Nach seinen Klavierstunden in Sopron und seinem ersten Solokonzert in Eisenstadt (1921) – in jenem Jahr, in dem sein Heimatort Österreich zugeschlagen wurde – setzte er seine Studien in Wien fort. An der Musikakademie unterrichtete ihn Joseph Marx in Komposition, musikwissenschaftlich war er Schüler von Guido Adler. Als Pianist wurde er Teil einer bis in die Geschichte zurückreichenden Traditionskette: Sein Lehrer Paul Weingarten war Schüler von Emil von Sauer, dieser hatte bei Franz Liszt studiert, Liszt wiederum bei Carl Czerny, und Czerny bei Beethoven. Kurz nach Abschluss seines Studiums wurde er zum Klavierprofessor am Konservatorium in Kairo ernannt, wo er von 1927 bis 1932 lehrte und im Auftrag der Berliner Musikhochschule die europäische Musik vertrat. Seine Studierenden gehörten unterschiedlichen Nationalitäten an: ein großer Teil stammte aus Europa, doch es gab unter ihnen auch zahlreiche Araber und Kopten, die bis heute lebenden Nachfahren der alten Ägypter“, fügte Éva Radics hinzu.



„Berühmte Persönlichkeiten, die damals nach Ägypten reisten, schätzten die Gesellschaft des noch sehr jungen, aber hochbegabten Künstler-Pädagogen Jenő Takács, der ihnen gerne beim Einkaufen und bei der Organisation ihrer Programme half. Für ihre Ausflüge in die Wüste erwies er sich als ausgezeichneter Fremdenführer: Er kannte sich in der Welt der Pharaonen aus, bewegte sich zwischen den Pyramiden ganz selbstverständlich und verfügte über fundierte Kenntnisse zu einer Fülle von Denkmälern. In Kairo konzertierte er und wurde zu einer zentralen Figur des lokalen wie internationalen Musiklebens. Er begegnete bedeutenden Musikern und Künstlern; Emil von Sauer, Arthur Rubinstein, Jascha Heifetz, Bronisław Huberman, Alfredo Casella, Paul Hindemith, Curt Sachs und Egon Wellesz waren seine Kollegen oder Freunde. Hier lernte er auch Alma Mahler und Franz Werfel kennen und pflegte eine persönliche Beziehung zu Béla Bartók, mit dem er 1932 in Kairo beim Kongress für arabische Musik zusammenarbeitete.“
„Ein herausragendes Ereignis des Jahres 1932 war der Kongress für arabische Musik, der für ihn ein prägendes Erlebnis wurde. Während dieser drei Wochen arbeitete er mit Béla Bartók zusammen und verbrachte die ganze Zeit mit ihm; dessen menschliches und künstlerisches Vorbild sein ganzes weiteres Leben prägte.“
„Während des Kongresses erhielt Takács eine Einladung nach Manila, um dort den Lehrstuhl für Klavier und Komposition an der Universität zu übernehmen. Bartók überredete ihn, diese Stelle anzunehmen, damit er zugleich die uralte Musik und die Bräuche der Negrito-Gruppen erforschen könne. Schon früher hatte er sich für traditionelle Musik interessiert: In Ägypten sammelte er arabische Volksmusik und studierte die koptische Kirchenmusik, später in seinem Leben beschäftigte er sich auch mit kroatischer und ungarischer Volksmusik. Seine Forschungen auf der philippinischen Insel Luzon erstreckten sich auf alle Bereiche der Ethnografie. Er fotografierte, zeichnete, machte Notizen, sammelte Instrumente, stellte ein Wörterbuch der Musikinstrumente der Philippinen zusammen und kartierte als Erster das Repertoire der verschiedenen Stämme. Diese aus eigener Tasche finanzierte Forschung war nicht ungefährlich. Auf der Insel lebten damals noch Kopfjäger-Stämme, die ihren besiegten Feinden den Kopf abschlugen. Wie Takács erzählte: ‚Die Kopfjagd soll angeblich schon nicht mehr üblich gewesen sein. Aber eben nur angeblich.“
„Die Ergebnisse seiner Sammelreisen – die Fonogramme und seltenen Instrumente – wirkten in Europa wie eine Sensation. In seinem Tagebuch hielt er Traditionen fest, die damals bereits fast verschwunden waren. Auf Grundlage seiner Aufzeichnungen erschien ein Lexikon der Musik der Philippinen. Seine Aufnahmen schickte er an das Phonogramm-Archiv in Berlin. Einige der Wachswalzen begannen im tropischen Klima zu schimmeln, die meisten wurden jedoch im Krieg zerstört. Takács starb in dem Glauben, dass aus seiner Sammlung kein klingendes Material erhalten geblieben sei. Im Zuge meiner Forschungen erfuhr ich drei Jahre nach seinem Tod, 2008, dass vierzig der als vernichtet geltenden Aufnahmen wieder aufgetaucht waren. Heute befinden sie sich in der ethnomusikologischen Abteilung des Berliner Phonogramm-Archivs. Die Walzen wurden 1999 von der UNESCO zum Weltdokumentenerbe erklärt“, berichtete Éva Radics.
1937 komponierte er sein später weltberühmt gewordenes Werk Tarantella, das er als Pianist persönlich auf der ganzen Welt aufführte. „Im Hinblick auf seine künstlerische Laufbahn war das Jahr 1937 eine wichtige Station seines Lebens. Damals komponierte er seinen wilden, mit dem Tod ringenden Tanz, die Tarantella, mit der sein Name schlagartig bekannt wurde. Der Titel spielt darauf an, dass jemand, den die Tarantel gebissen hat, bis zur völligen Erschöpfung in Raserei tanzt. Mit diesem Werk bereiste Takács einst die ganze Welt – und den Klaviersolopart spielte er stets selbst.“
„Nach dem ‚Anschluss‘ kehrte er nicht nach Österreich zurück, weil der Nationalsozialismus für ihn unerträglich geworden war. Er verzichtete auf die damals mit der Zugehörigkeit zum Großdeutschen Reich automatisch verbundene deutsche Staatsbürgerschaft, denn er wollte keinerlei offizielle Beziehungen zu Hitlers Behörden unterhalten. Er erhielt die ungarische Staatsbürgerschaft. Den Entschluss, nach Ungarn zu übersiedeln, hat er nie bereut, denn die Ungarn waren ihm gegenüber hilfsbereit und nahmen ihn in schweren Zeiten in Schutz“, sagte Éva Radics über ihren Freund.
In Szombathely unterrichtete er an der Musikschule. In dieser Zeit entstanden, inspiriert von der alten ungarischen Musik, unter anderem sein Werk Antiqua Hungarica, bei dessen Uraufführung in Budapest er Zoltán Kodály kennenlernte. „Auf Einladung des Pécser Bürgermeisters Lajos Esztergár kam er nach Pécs. Über ihn erzählte Takács: ‚Er hatte sich vorgenommen, Pécs zu einem kulturellen Zentrum zu machen – nach dem damaligen Sprachgebrauch zu einem ungarischen Athen. Er bemühte sich, Menschen hierher zu holen, die das geistige Leben der Stadt bereicherten. Er lockte Schriftsteller, Musiker, bildende Künstler und Theaterleute an, verschaffte ihnen städtische Stellen, Wohnungen und Aufträge und setzte alles daran, dass sie hierblieben. So schuf er ein anspruchsvolles wissenschaftliches, literarisches, bildnerisches, theater- und musikbezogenes Leben.“
Zwischen 1942 und 1948 prägte Takács das Musikleben von Pécs. Er gründete das Konservatorium, organisierte die Konzerte des Nationaltheaters, leitete das Städtische Orchester und unterstützte die pädagogischen Experimente von Zoltán Kodály. Die Stadt verdankte ihre geistige Lebendigkeit Schriftstellern, Musikern, bildenden Künstlern und Theaterleuten gleichermaßen.
„Mitten in den extremen politischen Strömungen, in den stürmischsten Winden der Geschichte und im Auseinanderdriften unzähliger künstlerischer Richtungen ging er stets seinen eigenen Weg und bewahrte unter allen Umständen seine menschliche und künstlerische Unabhängigkeit, seine Würde und seine moralischen Grundsätze
In seiner Person vereinte sich der für alles offene, intuitive Künstler mit dem bewussten Schöpfer, der alles in seinen eigenen Stil zu integrieren vermochte. Er kannte alle Richtungen, nahm äußere Einflüsse gerne auf, unterwarf sich aber niemals einem einzigen Stil. Als der ‚Spuk des Kommunismus‘ Jenő Takács aus Ungarn vertrieb, übersiedelte er – nach Versuchen in Italien und der Schweiz – in die Vereinigten Staaten von Amerika. An der Universität von Cincinnati unterrichtete er achtzehn Jahre lang Klavier und Komposition, bildete herausragende Musiker aus und gab daneben regelmäßig Konzerte in Europa. 1970 ging er in Pension. Gemeinsam mit seiner Frau Éva Pasteiner, mit der er 62 Jahre lang glücklich zusammenlebte, kehrte er in sein an die Kindheit erinnerndes Elternhaus in Cinfalva zurück“, erzählte Éva Radics.
„Jenő Takács knüpfte Bekanntschaften und Freundschaften mit zahlreichen bedeutenden Musikerpersönlichkeiten: mit Paul Hindemith, Darius Milhaud, Yehudi Menuhin, Béla Bartók, Zoltán Kodály, Ernő Dohnányi, Rudolf Maros, Ferenc Farkas sowie später mit József Soproni und Sándor Szokolay. Zu seinen lebenslangen Freunden zählten viele Größen des ungarischen Kulturlebens, unter den Dichtern etwa Győző Csorba, Zoltán Jékely und Sándor Weöres.“
„Er erhielt zahlreiche Preise und Auszeichnungen. Zu seinem hundertsten Geburtstag fanden zu seinen Ehren – vor allem in Österreich – rund dreihundert Konzerte statt, bei denen seine Werke gespielt wurden. Es grenzt an ein Wunder, dass er das gesamte 20. Jahrhundert durchlebt und seinen eigenen hundertsten Geburtstag bei guter Gesundheit erlebt hat. Sein Erbe ist ein integraler Bestandteil der universellen menschlichen Kultur – und in ihr der ungarischen und burgenländischen Kultur. Sein künstlerisches Schaffen und seine Persönlichkeit wurden sein Leben lang von Respekt und Beliebtheit begleitet. Hoffentlich wird sein Lebenswerk auch in Ungarn immer intensiver gepflegt werden“, so schloss Éva Radics ihre Jubiläumserinnerungen ab.

Jenő Takács starb am 14. November 2005 im Alter von 103 Jahren in Eisenstadt. Sein Lebenswerk gehört zum reichen Erbe der europäischen und der Weltmusik, in dem sich ungarische Geistigkeit, Volksmusik sowie traditionelle und zeitgenössische Elemente auf harmonische Weise verbinden.
Seine lange und reiche Laufbahn war ganz dem Dienst an Musik und Kultur gewidmet; sein Nachlass lebt bis heute in der Obhut der 2008 gegründeten Jenő-Takács-Stiftung weiter. Zu den Gründungsmitgliedern der Stiftung zählt Éva Radics, die zwei ungarischsprachige Bücher über ihn verfasst hat sowie eine 512-seitige Dissertation in deutscher Sprache mit einem 275 Seiten umfassenden Incipit-Werkverzeichnis, die in Saarbrücken im Südwestdeutschen Verlag erschienen ist.


Fotos: Dr. Éva Radics, Titelbild: takacsjeno.com
Text: Mónika Gombás
Übersetzung: Pathy




















