Am 5. Februar jährt sich zum 30. Mal das Attentat, bei dem vier burgenländische Roma-Männer in der Nähe von Oberwart ihr Leben verloren. Es war der schwerwiegendste rassistisch motivierte Anschlag in Österreich seit dem Zweiten Weltkrieg. Als Josef Simon, Erwin Horvath, Karl Horvath und Peter Sarközi versuchten, ein Schild mit der Aufschrift „Roma zurück nach Indien!“ zu entfernen, das an einem Metallpfosten am Rand der Roma-Siedlung befestigt war, explodierte eine dahinter angebrachte Rohrbombe. Alle vier Männer kamen dabei ums Leben. Wir sprachen mit der Menschenrechtsexpertin Melinda Tamás über individuelle und gesellschaftliche Verantwortung, schädliche Vorurteile und die Bedeutung des Erinnerns.
Rólunk.at/Anna Gazdik: Das Attentat von Oberwart war die schwerwiegendste Episode einer ganzen Anschlagsserie, die sich gegen Angehörige von Minderheiten und gegen Politiker richtete. Wie konnte es Anfang der 1990er-Jahre in Österreich so weit kommen?
Melinda Tamás: Ein solcher Anschlag geschieht nie von heute auf morgen. Wir müssen bereits dann sehr wachsam sein, wenn antidemokratische, sexistische, rassistische oder homophobe Äußerungen in einer Gesellschaft salonfähig werden. Doch Hassrede ist nur der erste Schritt – darauf folgen Ausgrenzung und Dehumanisierung, also der Moment, in dem Mitglieder einer bestimmten Gruppe als minderwertig angesehen werden, etwa im Vergleich zur Mehrheitsgesellschaft. Von dort ist es kein großer Schritt mehr, bis sich jemand ermutigt fühlt, den Angehörigen dieser Gruppen nach dem Leben zu trachten. Ich bin der Meinung, dass das populistische, antidemokratische politische Klima Anfang der 1990er-Jahre den Ausbruch von Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus und Antiziganismus (Roma-Feindlichkeit) besonders begünstigt hat.

Melinda Tamás ist Trainerin, Übersetzerin, Autorin, Menschenrechtsberaterin und Hochschuldozentin. Sie arbeitet im Bereich der politischen Bildung zu Themen wie Rassismuskritik, Antidiskriminierung, sensibler Sprachgebrauch, Gewaltprävention, Prävention von Extremismus sowie Friedens- und Demokratieförderung.
Sie hat zahlreiche Bildungs- und Kulturprojekte im Bereich der Menschenrechte und Geschlechterdemokratie entwickelt. Darüber hinaus forscht und publiziert sie zu gesellschaftlicher Inklusion und Ausgrenzung, Friedens- und Demokratieförderung, Antidiskriminierung sowie aktuell zu gewaltbereitem Extremismus und angewandten Menschenrechten.
Rólunk.at/Anna Gazdik: Der Mensch ist ein soziales Wesen, wir gehören gern zu Gruppen, was unweigerlich auch bedeutet, dass wir uns von anderen Gruppen abgrenzen. Jeder hat Vorurteile – sie helfen uns bei der Orientierung. Aber ab wann wird das schädlich oder gefährlich?
Melinda Tamás: Das hängt auch davon ab, was wir unter dem Begriff „Vorurteil“ verstehen. Laut einer weiten Definition zählt dazu sogar, wenn wir die Straße überqueren wollen und vorher einschätzen müssen, ob wir es noch auf die andere Seite schaffen oder vom herannahenden Auto erfasst werden. Das ist natürlich nicht schädlich. Problematisch wird es allerdings, wenn sich in uns festgefahrene Bilder in Bezug auf bestimmte menschliche Eigenschaften entwickeln – das kann das Geschlecht, die Religion, die Herkunft, lila Haare oder irgendetwas anderes sein – und wir beginnen, jeden Menschen nur noch durch diese Brille zu sehen, selbst wenn wir ihn gar nicht kennen. Zuerst entsteht eine gewisse Scheu oder Distanz, darauf folgen Ausgrenzung und Entmenschlichung. Vorurteile, die sich auf ganze Gruppen beziehen – also Stereotype – können besonders irreführend sein.
Rólunk.at/Anna Gazdik: Was kann man gegen die Entstehung schädlicher Vorurteile tun?
Melinda Tamás: Sensibilisierungsarbeit sollte möglichst früh beginnen – idealerweise schon im Kindergarten, indem man Kinder zu kritischem Denken anregt. In meinen Workshops spreche ich die Kinder mit altersgerechten, spielerischen und interaktiven Aufgaben an. Mit Volksschulkindern nähern wir uns zum Beispiel dem Thema Menschenrechte mithilfe von Tieren: Was braucht ein Häschen unbedingt? Futter, Wasser, einen Unterschlupf, Freunde … Und wer ist dafür verantwortlich, dass es all das bekommt? Wo überschneiden sich diese Bedürfnisse mit denen anderer Tiere? Von hier ausgehend kann man den Kindern zeigen, dass unterschiedliche Werte, Meinungen – ja sogar Wahrheiten – nebeneinander bestehen können. Und das ist völlig in Ordnung, solange niemand dadurch verletzt oder ausgegrenzt wird.
Rólunk.at/Anna Gazdik: Erwachsene haben bereits ein gefestigtes Wertesystem. Wie kann man eventuell ihre bestehenden Vorurteile nuancieren oder abbauen?
Melinda Tamás: Bei Erwachsenen ist der Schlüssel immer die Beziehung und das verständnisvolle Gespräch. Man muss den Dialog mit Andersdenkenden suchen, verstehen, wie sich ihr Wertesystem entwickelt hat und welche Erfahrungen sie gemacht haben. Es reicht nicht, über Mitgefühl zu sprechen – wir müssen es auch zeigen. Unsere Werte sind nur so stark, wie wir sie auch durch Taten untermauern können. Danach lohnt es sich, nach gemeinsamen Anknüpfungspunkten zu suchen und von dort aus zu erklären, dass wir nicht in allem einer Meinung sein müssen, dass wir unterschiedliche Wertesysteme haben können – aber was nicht geht, ist, andere auszuschließen oder uns selbst für überlegen zu halten. Je tiefer diese vereinfachenden und verallgemeinernden Bilder über bestimmte Menschengruppen in den Erwachsenen verankert sind, desto mehr gegenteilige Beispiele brauchen sie, um diese Bilder zu hinterfragen. Deshalb ist es auch so, dass heute in Ostdeutschland die Fremdenfeindlichkeit stärker ausgeprägt ist als im Westen, obwohl man dort viel seltener auf Ausländer trifft. Oder dass in Österreich auf dem Land tendenziell mehr Wähler rechtsextremer Parteien leben als in Wien oder den Landeshauptstädten – obwohl gerade dort die meisten Ausländer leben.
Rólunk.at/Anna Gazdik: Was können wir tun, wenn wir im Alltag Zeuginnen und Zeugen von rassistischen Äußerungen werden? In der Straßenbahn bleibt ja nicht immer Zeit für ein verständnisvolles Gespräch …
Melinda Tamás: Das stimmt, die Situation eignet sich nicht immer dafür – und doch denke ich, dass es immer besser ist, etwas zu sagen, als gar nicht zu reagieren. Allein schon unserer eigenen inneren Haltung zuliebe ist das wichtig. Ich habe einmal mehrere Wochen lang mit einer Schulklasse gearbeitet. Wir haben versucht, ihre Erfahrungen mit Rassismus in Form von Comics aufzuarbeiten, und dann haben wir auch eine Gegen-Narration dazu entwickelt: Was hätte anders laufen können? Nach drei Wochen erzählte einer der Jungen, dass er einmal in der Straßenbahn Opfer eines rassistischen Angriffs geworden war – er wurde minutenlang beschimpft. Am meisten verletzte ihn daran, dass die anderen Fahrgäste kein Wort sagten und so taten, als würden sie nichts sehen oder hören. Diese Erfahrung trug er lange mit sich herum, und er konnte weder mit seiner Familie noch mit seinem Freundeskreis darüber sprechen. In solchen Situationen – wenn wir uns vielleicht selbst nicht trauen, die Angreiferinnen oder Angreifer direkt zu konfrontieren – kann es hilfreich sein, mit dem Opfer ins Gespräch zu kommen, damit es merkt: Ich bin nicht allein. Eine gute Strategie kann auch sein, zurückzufragen – das funktioniert übrigens auch in sozialen Medien sehr gut. Ich habe zum Beispiel entfernte Verwandte und Bekannte, die gerne sexistische Witze erzählen. Mit denen will ich mich nicht unbedingt streiten, also spiele ich in solchen Momenten die Naive und sage: Ich verstehe den Witz nicht.
Rólunk.at/Anna Gazdik: Auch im Burgenland halten Sie regelmäßig Sensibilisierungsworkshops ab. In diesem Bundesland leben neben der deutschsprachigen Mehrheit auch drei anerkannte Volksgruppen: die Burgenlandkroaten, die Roma und die Ungarn. Zwischen den Organisationen dieser drei Gruppen herrscht eine beispielhafte Zusammenarbeit – kulturelle Vielfalt wird hier als Ressource betrachtet. Was ist das Geheimnis dahinter?
Melinda Tamás: Ich denke, dass es für den Erhalt von Minderheitensprachen und -kulturen nicht ausreicht, einfach nur ein Gesetz zu erlassen. Ohne kontinuierliche Aufklärung und Sensibilisierung im Alltag ist das wenig wert. Zwar garantierte das Volksgruppengesetz seit den 1970er-Jahren zweisprachige Ortsbezeichnungen in jenen Gemeinden Kärntens und des Burgenlands, in denen eine größere Zahl von Angehörigen anerkannter Volksgruppen lebt, doch während das in Kärnten zu andauernden Konflikten führte, war die Herangehensweise im Burgenland ganz anders. Hier wurde vermittelt, dass es etwas Positives ist, wenn jemand neben Deutsch auch Ungarisch oder Kroatisch spricht. Besonders seit dem Beschluss des Minderheiten-Schulgesetzes 1994 war es noch einfacher, den Unterricht in den Volksgruppensprachen an zweisprachigen Volksschulen und im Gymnasium oder in Wahlpflichtfächern sicherzustellen. Auch wenn die burgenländischen Roma seit 1993 offiziell als Volksgruppe in Österreich anerkannt sind und die Romani-Sprache heute auf mehreren Bildungsebenen gelernt werden kann, sprechen leider nur noch sehr wenige junge Menschen diese Sprache. Man muss wissen, dass der Holocaust einen tiefen Bruch in der Weitergabe der Sprache bedeutete. Während des Zweiten Weltkriegs wurden Tausende burgenländische Roma deportiert, von denen nur sehr wenige zurückkehrten – und selbst diese mussten weitere Diskriminierung ertragen. Wer Romani sprach, wurde regelmäßig stigmatisiert, und da es lange Zeit weder staatliche Unterstützung (für Bildung, kulturelle Veranstaltungen oder Medien in Romani) noch gesellschaftliche Anerkennung gab, ging der Sprachgebrauch stark zurück.

Rólunk.at/Anna Gazdik: Am Ort des Attentats wurde zwei Jahre später ein Denkmal errichtet, und an den Jahrestag wird regelmäßig erinnert. Was können wir noch tun, damit das Gedenken an die Opfer nicht in Vergessenheit gerät und sich eine solche Tragödie nicht wiederholt?
Melinda Tamás: Ich halte Gedenktage und eine lebendige Erinnerungskultur für äußerst wichtig – sie stiftet Identität, denn nur wer die Geschichte kennt, kann auch in die Zukunft blicken. Aber das allein reicht natürlich nicht aus. Damit sich eine solche Tragödie nicht wiederholen kann, braucht es gesellschaftliche Verantwortung, Dialog, ein inklusives Bildungssystem sowie eine angemessene Erinnerungspolitik. Diese sollte alles umfassen – von der Pflege der Denkmäler über die Dokumentation bis hin zu Social-Media-Kampagnen, regelmäßigen Workshops und Veranstaltungen. In der heutigen Situation, in der Österreich 80 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wieder einen rechtsextremen Bundeskanzler haben könnte, ist es besonders wichtig, den unabhängigen Journalismus zu unterstützen und die Menschen dafür zu sensibilisieren, was in einer Gesellschaft passieren kann, wenn wir nicht aus unserer Vergangenheit lernen. Ich glaube, das ist heute aktueller denn je seit 1945.
Hervorragendes Bild: Romapastoral
Text: Anna Gazdik
Überseztung: Pathy































