Burgenland ist in Österreich erst etwas mehr als 100 Jahre alt. Um es wirklich kennenzulernen, lohnt es sich jedoch, auch weiter als nur 100 Jahre zurückzublicken. Diese Übergangsregion ist durch sprachliche, kulturelle und ethnische Vielfalt geprägt – und erstaunlich wenig bekannt. Warum unterrichtete die Reformierte Schule in Oberwart bis 1938 nach ungarischem Lehrplan? Warum ist es so schwierig, eine burgenländische Literaturgeschichte zu schreiben? Warum wäre es sinnvoller, anstelle der Förderung von Minderheitensprachen eine moderne Mehrsprachigkeit zu unterstützen? Ein neuer Sammelband sucht unter anderem auf diese Fragen Antworten.
An ein Unmögliches wagten sich 2021 Andrea Seidler (emeritierte Professorin der Universität Wien und Präsidentin des Zentralverbandes Ungarischer Vereine und Organisationen in Österreich), Ernő Deák (Historiker im Ruhestand), Károly Kókai und Márta Csire (beide Mitarbeiter der Universität Wien): Anlässlich des 100-jährigen Bestehens des Burgenlandes nahmen sie die Geschichte der dortigen autochthonen ungarischen Gemeinschaft unter die Lupe und verbanden dabei Methoden und Perspektiven mehrerer Disziplinen. Zunächst organisierten sie im Dezember 2023 in Oberwart eine Konferenz in Zusammenarbeit zwischen der Universität Wien und dem Österreichischen Institut für Ungarische Studien (ÖIUS), anschließend entstand aus den dort gehaltenen Vorträgen ein Sammelband mit Beiträgen in deutscher und englischer Sprache.
Doch warum ist es eigentlich so schwierig, über das 100-jährige Burgenland und darin über die Geschichte der dort lebenden Ungarn zu sprechen? Die Region wird bis heute oft als „östlicher Rand Westeuropas“ und zugleich als „westlicher Rand Osteuropas“ beschrieben. Ständiger Wandel und Übergangscharakter prägen dieses Bundesland bis heute, das ethnisch wie sprachlich schon immer eine vielschichtige Region war. Um die heute sichtbaren gesellschaftlichen Prozesse zu verstehen, lohnt es sich daher, zeitlich auch vor 1921 zurückzugehen. Im westlichen Teil des Königreichs Ungarn lebte bereits in früheren Jahrhunderten eine bedeutende deutschsprachige Bevölkerung; dazwischen bildeten die ungarischsprachigen Gemeinschaften kleinere Inseln und begannen sich somit nicht erst nach 1921 von der übrigen ungarischsprachigen Bevölkerung abzuheben. Mit dem Anschluss Burgenlands an Österreich gerieten die dort lebenden Ungarn jedoch in eine Minderheitenposition. Hinzu kam, dass die städtischen Zentren des Gebiets – Sopron, Magyaróvár, Szombathely und Vasvár – bei Ungarn blieben. Das neu entstandene österreichische Bundesland behielt deshalb grundsätzlich eine ländliche Struktur, die von den Besitzungen der dort ansässigen Adelsfamilien – Esterházy, Batthyány, Nádasdy und Erdődy – geprägt war. Die meist reformierten Oberwarter Ungarn unterschieden sich neben der Sprache auch durch ihre Konfessionszugehörigkeit von den katholischen Österreichern; durch Mischehen und Rekatholisierung verlor diese Trennung jedoch zunehmend an Bedeutung.

Márta Csire untersuchte die Geschichte der reformierten Schule in Oberwart von 1921 bis 1938. Die Schule wurde zwar aus dem ungarischen Schulsystem in das österreichische überführt, doch in der krisenhaften Zeit nach dem Krieg fehlten die finanziellen Voraussetzungen für eine Umstrukturierung der Konfessionsschulen. So blieb die Schule bis 1938 eine Schule mit ungarischer Unterrichtssprache, und der Unterricht erfolgte weiterhin nach ungarischem Lehrplan. Die Einstellung der Konfessionsschulen wurde schließlich nach dem Anschluss von den Nationalsozialisten angeordnet, was zugleich das Ende des ungarischsprachigen Unterrichts bedeutete.
Der bereits erwähnte Übergangscharakter erscheint auch in Terézia Moras Roman Alle Tage. Die in Sopron geborenen Autorin, die in einer deutsch-ungarisch zweisprachigen Familie aufwuchs, lässt ihren Roman in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg spielen, als die neuen Grenzen noch unsicher waren. Die Hauptfigur, der bezeichnend benannte Abel Nema, überschreitet fortwährend sprachliche, kulturelle und soziale Grenzen; seine Identität ist entsprechend in ständigem Wandel. Den Roman und die darin sichtbare Liminalität, also die Übergangszustände zwischen Grenzen, analysiert Wolfgang Müller-Funk in seinem Beitrag.
Die Region erscheint auch in anderen literarischen Werken. Eines der dunklen und lange nur wenig thematisierten Kapitel der österreichischen Geschichte des 20. Jahrhunderts ist das Massaker von Rechnitz im März 1945, bei dem 180 ungarisch-jüdische Zwangsarbeiter ermordet und in einem bis heute nicht entdeckten Massengrab verscharrt wurden. Rechnitz wurde dadurch zu einem Symbol des kollektiven Schweigens. Die Ereignisse wurden in mehreren Werken verarbeitet: etwa in Elfriede Jelineks Theaterstück Rechnitz (Der Würgeengel), im Film Totschweigen von Eduard Erne und Margareta Heinrich, in Peter Wagners Stück März. Der 24. – das Massaker von Rechnitz oder in den vergangenen Jahren in Eva Menasses Roman Dunkelblum. Die literarischen Bearbeitungen des Massakers analysiert Wynfrid Kriegleder in seinem Beitrag.



Auch wenn schon diese Beispiele zeigen, dass burgenländische Themen in der österreichischen Literatur präsent sind, ist es bis heute schwierig, überhaupt von burgenländischer Literatur zu sprechen oder eine Geschichte der burgenländischen Literatur zu schreiben. Károly Kókai benennt drei grundlegende Probleme: Literaturgeschichten behandeln die burgenländische Literatur nicht im Rahmen von Heimatliteratur und Anti-Heimatliteratur – Letztere zeigt, im Gegensatz zur traditionellen, idealisierten und idyllischen Dorfwelt der Heimatliteratur, die dunkle, rückständige, bedrückende und grausame Realität des ländlichen Raums –; in der Regel befassen sie sich nur mit deutschsprachiger Literatur; und sie versuchen selbst für jene Zeit eine burgenländische Geschichte zu schreiben, als es das Burgenland als Bundesland noch gar nicht gab.
Neben literarischen, sozial- und kulturgeschichtlichen Themen kommt in dem Sammelband auch die sprachliche Landkarte Burgenlands zur Sprache. Johanna Laakso weist bei der Behandlung der burgenländischen Minderheitensprachen darauf hin, dass die Sprecher der hier autochthonen Minderheiten – der Kroaten, Ungarn und Roma – ausnahmslos mehrsprachig sind. Obwohl der Gebrauch der Minderheitensprachen durch das Volksgruppengesetz garantiert wird, wäre viel eher eine vernünftige Förderung von Mehrsprachigkeit nötig. Aus Christian Pischlögers Studie geht zudem hervor, dass das Gebiet des heutigen Burgenlands im Königreich Ungarn lange als Zentrum des orthodoxen Judentums galt; in Eisenstadt, Mattersburg und Deutschkreutz bestanden bedeutende Schulen, also Jeschiwot. Es existierte sogar eine besondere burgenländische Variante des Jiddischen, deren Kenntnis die Sprecher in der Regel bestritten, während sie im Alltag Ungarisch oder Deutsch verwendeten.
Márta Csire zufolge ist die 100-jährige Geschichte Burgenlands bis heute voller blinder Flecken; mit weiteren Forschungen ließen sich noch mehrere ähnliche Bände füllen.
Text, Fotos: Anna Gazdik
Übersetzung: Pathy











