Der Burgenländisch-Ungarische Kulturverein veröffentlichte im Jahr 2022 in seinem Jahresmagazin „Őrség” die lokalhistorische Arbeit von János Topler aus Oberwart mit dem Titel „Felsőeőr leírása. Eredete, alakulása, története és tényállása. A felsőőri nép számára” (Beschreibung von Oberwart. Seine Entstehung, Entwicklung, Geschichte und Fakten. Für die Bevölkerung von Oberwart). Der Autor begann sein Buch Weihnachten 1946 zu schreiben und vollendete es 1960 in erweiterter und überarbeiteter Form. Die Stadt Oberwart feiert im Jahr 2027 ihr 700-jähriges Bestehen. Aus diesem Anlass werden wir das Werk von János Topler in Auszügen veröffentlichen.
Hiernach hätte die Zeit nunmehr in schönerer, friedlicherer Bahn ohne bemerkenswertere Ereignisse fortfließen können. Allein das im Jahre 1682 aus Holz erbaute und mit Schilf gedeckte Oratorium (Bethaus) war bereits stark dem Verfall anheimgegeben; täglich musste man seinen Einsturz befürchten, zumal die an der Südseite befindlichen Balken in äußerst morschem Zustande waren. Darum suchten am 24. April 1764 die Herren László Chernel von Chernelháza und Károly Szeremley von Pelsőcz, als Abgesandte unserer heiligen reformierten Gemeinde zu Felsőeőr (Oberwart), mit ihrer untertänigsten Bittschrift die erhabene Königin und Kaiserin Maria Theresia auf, damit sie an Stelle des alten, aus Holz erbauten und bereits sehr baufälligen Oratoriums – da es sich ohnehin um einen artikularischen Ort handelte – ein neues, von Grund auf neu gegründetes Bethaus, und zwar aus Stein, errichten dürften.
Hierauf begann von Seiten des Klerus die fieberhafte Unterminierungsarbeit, wodurch ein sechs Jahre währender Bittschriftenkrieg entbrannte. (Die zweite Bittschrift datiert vom 22. August 1768, die dritte vom 1. Juli 1769, die vierte vom 9. Oktober 1769.) Endlich, nach sechs Jahren des Bittens, Flehens und inständigen Begehrens, nach unermesslicher Mühe, Demütigung und gewaltigem Kostenaufwand, wie auch nach drei Jahren alles Maß übertreffender, emsiger Arbeit, wurde am 10. Jänner 1773 unter vielen andächtigen Gesängen und Gebeten die heute noch stehende reformierte Kirche zu Felsőeőr (Oberwart) feierlich eingeweiht – doch ohne Turm, mit einem freistehenden hölzernen Glockenstuhl –, und ihrer Bestimmung übergeben: dass inmitten des Schicksalsstromes dieser andersgläubigen und andersstämmigen Völkerflut, gleichsam Wache stehend, der Psalm sowie das ungarische „Vaterunser“ und „Ich glaube“ zu unserem erhabenen himmlischen Vater emporsteigen möge, unter dem Wahlspruch: „Herr, erhalte dein Volk!“ Dies geschah zur Zeit des Pfarrers Ferencz Újhelyi Kovács und des Lehrers Mihály Teleky. Der Bau der steinernen Kirche kostete 2.893 Forint 31 Kreuzer, der freistehende hölzerne Glockenstuhl 348 Forint 43 Kreuzer, die kleine Glocke von über 7 Zentnern (400 kg) 443 Forint 51 Kreuzer; demnach belief sich die Gesamtsumme auf 3.685 Forint 25 Kreuzer. So steht denn seit 1773 die reformierte Kirche zu Felsőeőr (Oberwart).
Auch das um das Jahr 1740 erbaute Pfarrhaus war bereits veraltet, überdies klein und ungesund. Zum Zwecke eines neuen Pfarrhauses wandte sich die Gemeinde nunmehr an Kaiser Joseph II.; worauf am 5. Juni 1783 vom Consilium die Bewilligung einlangte, dass als artikularischer Ort der Bau der Parochie gestattet werde. Damit fand auch dies seinen Abschluss: Das heute noch bestehende Gebäude (Nr. 543) wurde im Jahre 1784 vollendet, zunächst mit Strohdach; sein Ziegeldach besitzt es seit 1823. Das Schulhaus wurde im Jahre 1802 erbaut, gleichfalls noch mit Schilfdach. Im Jahre 1863 ließ man einen kleineren Klassenraum sowie Wirtschaftsgebäude anbauen und deckte das Ganze mit Ziegeln.

Anstelle des 1769 aus Holz errichteten freistehenden Glockenstuhls wurde im Jahre 1810 der heutige Turm aufgemauert, zunächst mit Holzschindeln gedeckt; da diese schadhaft wurden, deckte man ihn 1826 mit Blech und versah ihn 1829 mit einem Blitzableiter. Der Adler auf der Turmspitze versinnbildlichte das Wappen der Habsburger, als Zeichen der Huldigung dafür, dass sie den Kirchenbau gestattet hatten; an seine Stelle trat 1907 der Stern der Weisen aus dem Morgenlande. Die Zimmermannsarbeiten am Turm verrichtete Zimmermeister Lőrincz Fischer, die Spenglerarbeiten Spenglermeister Viktor Petanovich, und die Turmuhr montierte der Turmuhrmacher Ferencz Sándor – sämtlich Gewerbsleute aus Győr. Die Gemeinde zählte im Jahre 1907 1.600 Seelen.


Im Turm hängen zwei Glocken: die kleinere stammt aus dem Jahre 1769 (400 kg), die größere aus 1809 (950 kg); da sie gesprungen war, wurde sie 1841 neu gegossen. Während im Jahre 1916 die kleinen Glocken aller drei Mutterkirchen dem Altar der tausendjährigen alten Heimat geopfert, das heißt zu Kriegszwecken eingezogen wurden (unsere kleine Glocke traf dieses Schicksal jedoch nicht, da sie bis heute vom Turm der römisch-katholischen Kirche zu Bőd ertönt), beschafften sich nach dem Ersten Weltkrieg alle drei Mutterkirchen neue kleine Glocken. Beim letzten, „hitleristischen“ Kriege hingegen wurden die großen Glocken weggeführt; hernach mussten alle drei Mutterkirchen wiederum große Glocken anschaffen. Die Turmuhr stammt aus dem Jahre 1811. Die Orgel wurde im Jahre 1873 – zur Jahrhundertfeier der Kirche – am 1. Juni erstmals gespielt; zu drei Vierteln wurde sie aus der Stiftung des Márton Fülöp und seiner frommen Gattin, Frau Zsuzsánna Zámbó, angeschafft, den Rest deckte man durch freiwillige Spenden und teilweise aus der Kirchengemeindekasse.
Bis 1778 wurden auch die Reformierten im Friedhof bei der römisch-katholischen Kirche bestattet; seit 1778 ist daher der große reformierte Friedhof bei Sűrő in Gebrauch. Den alten römisch-katholischen Friedhof musste man 1887 aufgeben, weil 1888 die Bahnlinie Szombathely–Pinkafő darüber geführt wurde; somit besteht seit 1888 der neue, heutige römisch-katholische Friedhof.
Die ausgehobene Erde, die in jener großen Senke samt der Asche der Vorfahren und den Resten der Gräber zutage trat, brachte man als Auffüllmaterial in die Mulde der Landstraße bei Csarita (zwischen Kilometer 34 und 35) und bettete sie dort „zur ewigen Ruhe“ – zum ewigen Schandfleck der Stadt Felsőeőr (Oberwart): eine schmähliche Tat (macula), nur damit die Straße nicht bloß in ihrer Linienführung, sondern auch hinsichtlich der Waagrechtlage „gerade“ sei.
Text: BUKV, Őrség 64./2022
Titelbild: BUKV






