Ende Jänner dieses Jahres erschien Bernadette Némeths Im Schatten der Kraniche im Wieser Verlag. Der Familienroman erzählt parallel von der Gegenwart und vom Ende des Zweiten Weltkriegs, als ungarisch-jüdische Zwangsarbeiter in die Gegend von St. Margarethen im Burgenland / Szentmargitbánya beordert wurden.
Vor einem Jahr erhielt Bernadette Németh den Burgenländerin Award des Monatsmagazins Burgenländerin in der Kategorie Kunst und Kultur. Die 46-jährige Autorin hat eine positive, optimistische, lebensbejahende Haltung und sucht in allem das Gute. In ihren Texten tauchen jedoch häufig traurige und schmerzhafte Themen auf. Wie sie sagt, könne sie beim Schreiben Erfahrungen, die für sie schwer zu deuten und zu verarbeiten seien, in eine andere Perspektive rücken. Schreiben sei ein Mittel der Traumaverarbeitung. Wenn sie schreibe, forsche sie nicht nach dem Warum, sondern trete einen Schritt zurück und könne sich aus einer objektiveren Perspektive konzentrieren.
Für das zu Jahresbeginn erschienene Buch Im Schatten der Kraniche war ein persönlicher Impuls der Ausgangspunkt: Ihre ungarische Großmutter erzählte oft von den Schrecken des Zweiten Weltkriegs und vom Alltag während der Belagerung Budapests. Häufig hörte sie von einer jüdischen Nachbarin namens Irén, die eines Tages verschwand; später stellte sich heraus, dass sie in die Donau geschossen worden war. Aus den Erinnerungen ihrer Vorfahrin blieb ihr auch, wie sehr die Menschen damals hungerten und Entbehrungen erlitten und wie furchtbar es war, im Luftschutzkeller zu überleben.


Der auf mehreren Zeitebenen verlaufende Familienroman spielt an der Grenze zu Ungarn, in der Region des Neusiedler Sees, im burgenländischen St. Margarethen. Im Mittelpunkt der Geschichte steht Ida, eine junge Sängerin. Sie sucht nach einer Möglichkeit zum Ausbruch, träumt von großen Rollen und Erfolgen und möchte besonders gern auf der Freilichtbühne im Steinbruch nahe dem Ort auftreten. Ihr Leben wird jedoch durch mehrere Faktoren erschwert: familiäre Bindungen, ein schwer verwertbares Erbe und ein unberechenbarer, immer wieder plötzlich eintretender Stimmverlust, der ihre Karriere gefährdet. Eine Beziehung zu einem einflussreichen, aber manipulativen künstlerischen Sekretär verspricht neue Chancen, bringt jedoch zusätzliche Spannungen mit sich.
Der zweite Erzählstrang führt in Idas Familienvergangenheit zurück. Die Geschichte ihrer Mutter Anna beginnt während des Zweiten Weltkriegs: Annas Mutter Éva, eine jüdische Frau aus Budapest, wird als deportierte Zwangsarbeiterin in den Steinbruch von St. Margarethen gebracht. Trotz ihrer Schwangerschaft muss sie unter unmenschlichen Bedingungen arbeiten und wird nach der Geburt von der SS ermordet. Das Kind überlebt; sein Schicksal verbindet die Tragödie der Vergangenheit mit Idas Gegenwart.
Die Grundidee des Werks entstand aus mehreren Quellen. Zuvor hatte die Autorin an einem Reiseführer über die Region rund um den Neusiedler See gearbeitet, für den sie zahlreiche Schauplätze aufsuchte (111 Orte rund um den Neusiedler See, die man gesehen haben muss). Während dieser Recherche stieß sie anhand lokalhistorischer Daten auf eine Tragödie aus den letzten Kriegswochen des Zweiten Weltkriegs. So verarbeitete sie das Schicksal deportierter Zwangsarbeiter und die Kriegsverbrechen mit Massenmorden. Obwohl das Buch Fiktion ist, legt es über persönliche Erinnerung eine reale historische Tragödie offen.
Der Roman zeigt auf erschütternde Weise, vor dem Hintergrund realer historischer Ereignisse, das Schicksal von Frauen im Krieg, verschiedene Formen des Überlebens und jene innere Kraft, die es einer Frau damals wie heute ermöglicht, Familien zusammenzuhalten. Er zeichnet nach, wie unverarbeitete Traumata weitergegeben werden können, auf welche Weise sie im Leben späterer Generationen erscheinen und wie sie Identität, Entscheidungen und Lebenswege prägen. Zugleich handelt das Buch von Ehrgeiz, Verlust, Überleben und der Suche nach der eigenen Identität.
Auch über den Entstehungsprozess sprach die Autorin und verriet, dass es ein längerer Weg gewesen sei – teils wegen der Schwere des Themas, teils wegen kreativer Unsicherheit. „Ich hatte die ganze Zeit das Gefühl, dass ich es schreiben muss, dass ich es aus mir herausschreiben muss.“

Bernadette Németh wurde 1979 in Wien geboren. Sie lebt mit ihrer Familie in Breitenbrunn am Neusiedler See und ist Mutter von zwei Kindern. Sie wuchs zweisprachig auf: Ihre Mutter stammt aus Budapest, ihr mittlerweile verstorbener Vater aus Vitnyéd auf der ungarischen Seite des Neusiedler Sees. Sie studierte Medizin, veröffentlicht literarische Texte und Reiseführer und arbeitet in Wien als Schriftstellerin, Journalistin und Ärztin.
2010 erschien ihr erster Erzählband Der zweite Blick, 2013 das Kinderbuch Elmedin und der Zaubertukan. Ihr erster Roman Der Rest der Zeit wurde 2017 veröffentlicht. Danach erschienen im Emons Verlag zwei Sachbücher: 2019 zunächst der Band 111 Orte für Kinder in Wien, die man gesehen haben muss, 2021 folgte 111 Orte rund um den Neusiedler See, die man gesehen haben muss.
Ihre Texte erscheinen auch in Anthologien und Zeitschriften, zudem wurde sie bei mehreren Literaturwettbewerben ausgezeichnet. Ihre Erzählungen wurden 2023 in den 7. Band der Reihe Junge Literatur Burgenland aufgenommen sowie 2024 in die Anthologie Geschichten über Grenze im Verlag edition lex liszt. 2024 erschienen ihr zweiter Roman Wunschnovelle sowie ihr erster Krimi Neusiedler Tod. 2025 erhielt sie den Burgenländerin-Preis in der Kategorie Kunst und Kultur. Burgenland, insbesondere die Region um den Neusiedler See, ist in ihren Werken oft wiederkehrender Schauplatz. Der Roman Im Schatten der Kraniche entstand mit Unterstützung eines Wiener Arbeitsstipendiums.
Bernadettes Texte entstehen nie zufällig. Schreiben ist für sie tatsächlich Therapie und trägt zur Verarbeitung bei. Ihr erster Roman Der Rest der Zeit erschien 2017 und erzählt von der Flucht ihres Vaters aus Ungarn im Jahr 1956. Derzeit arbeitet sie an einem Stoff, mit dem sie jenen Frauen Kraft geben möchte, die mehrere Fehlgeburten erlitten oder ihren Fötus oder ihr Baby verloren haben, sich aber bereits dem Ende ihres fruchtbaren Alters nähern und Angst haben, kein Kind bekommen zu können.
Titelbild: Bernadette Németh
Text: Mónika Gombás
Übersetzung: Pathy











