Heuer fand das Forum Minderheitenschulwesen bereits zum 10. Mal statt; diesmal war das Bundesministerium für Bildung Gastgeber für die Vertreterinnen und Vertreter der Volksgruppen aus dem Burgenland und aus Kärnten. Nach einem Rückblick auf die vergangenen Jahre widmete sich das Forum heuer dem Thema Citizen Science, also einer auf der Beteiligung von Bürgerinnen und Bürger basierenden Forschung, die bereits mit großem Erfolg zur Erfassung von Dialekten eingesetzt wird. Nach dem einführenden Vortrag von Barbara Heinisch konnten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer auch eigene Projekte entwerfen.
„Wissen Sie eigentlich, mit wie vielen Bildungsministerinnen oder Bildungsministern wir in den vergangenen zehn Jahren zusammengearbeitet haben?“ – stellte Hermine Steinbach-Buchinger, die Moderatorin des Forums Minderheitenschulwesen, die Frage. Das als Einstieg gedachte Quiz konnte nur eine der sechs Tischgruppen richtig beantworten (genau genommen sind es sieben), doch im Mittelpunkt stand die in der Frage verborgene Information: Heuer fand das Forum Minderheitenschulwesen bereits zum 10. Mal statt – und alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren sich einig, dass es genügend Gründe gibt, stolz zu sein.
„2015 haben die Vertreterinnen und Vertreter der Volksgruppen unter anderem als gemeinsames Ziel formuliert, dass sie statt Bürokratie, Alibi-Treffen, für die Schublade bestimmten Konzepten und Konferenzen einen echten Austausch wünschen, bei dem sie einander nützliche Ideen geben und voneinander lernen können“, erinnert sich Hermine Steinbach-Buchinger an das erste Forum 2015. Daher bat die Moderatorin die Teilnehmerinnen und Teilnehmer als erstes Thema um einen Rückblick auf die vergangenen zehn Jahre und eine Zusammenfassung der erfolgreichsten Projekte.

Nach der Begrüßung durch Markus Benesch, Gruppenleiter im Bundesministerium für Bildung, hob Karin Vukman-Artner, Leiterin der Abteilung für Minderheitenschulwesen an der Bildungsdirektion Burgenland, die (minderheiten-)sprachliche Vielfalt des Bundeslandes hervor: Im Burgenland können Burgenlandkroatisch, Romani und Ungarisch auf verschiedenen Ebenen des Bildungssystems erlernt werden. Als besondere Erfolgsgeschichte bezeichnet sie die Digitalisierung sowie den sogenannten „immersiven Unterricht“, der etwa auch am Zweisprachigen Bundesrealgymnasium Oberwart erfolgreich umgesetzt wird: Dabei wird an einigen Tagen in der Woche ausschließlich die Volksgruppensprache – also Burgenlandkroatisch oder Ungarisch – im Schulalltag verwendet, was den Schülerinnen und Schülern ein „Sprachbad“ ermöglicht, sodass sie bereits nach ein, zwei Tagen leichter in der jeweiligen Sprache denken können.
Darüber hinaus hoben mehrere Teilnehmerinnen und Teilnehmer Projekte hervor, die den Übergang vom Kindergarten in die Schule erleichtern und gleichzeitig die Kontinuität beim Erlernen der Volksgruppensprachen unterstützen, die gemeinsame Ausarbeitung der sprachlichen Reifeprüfung sowie das in Kärnten sehr beliebte „Lesemaus“-Projekt zur Förderung der slowenischen Literatur.
Jonas Claußen, pädagogischer Leiter der Bildungsdirektion Kärnten, betonte die Bedeutung von Zusammenarbeit und gemeinsamem Nachdenken. Die Projekte im Bereich des Minderheitenschulwesens bezeichnet er als wahre Innovationsschmiede, aus der er gerne Ideen auch für allgemeine bildungspolitische Themen schöpft. Eine der größten Herausforderungen sieht er darin, aufgrund der überwiegend ländlichen Siedlungsstruktur des Bundeslandes die freiwerdenden Stellen mit gut ausgebildeten, slowenischsprachigen Fachkräften zu besetzen. Da dieses Problem auch im Burgenland bekannt ist, versuchen die beiden Bundesländer, gemeinsam Lösungen dafür zu finden.
Andreas Stockhammer, im Bundesministerium für Bildung für den Bereich Minderheitenschulwesen zuständiger Mitarbeiter, hob insbesondere zwei bildungspolitische Maßnahmen der letzten Jahre hervor, die die Minderheitenbildung vorangebracht haben. Zum einen sei dies der im Rahmen des neuen pädagogischen Pakets mit dem Schuljahr 2023/24 eingeführte kompetenzorientierte Lehrplan, der einen respektvollen Umgang mit verschiedenen Sprachen und Identitäten vorschreibt und beim Schuleingangsscreening auch die Volksgruppensprachen berücksichtigt. Der zweite Bereich, in dem in den vergangenen Jahren wichtige Fortschritte erzielt wurden, ist der durchgängige Unterricht in der Volksgruppensprache von der Volksschule bis zur Reifeprüfung. Dessen Förderung habe Bildungsminister Christoph Wiederkehr bei einem Besuch in Kärnten ebenfalls zugesichert. Im Bundesland wurde zudem versuchsweise der slowenisch-deutsch zweisprachige Unterricht an der Mittelschule Bleiburg eingeführt, und ab dem Schuljahr 2027/28 soll auch am BG/BRG St. Martin in Villach Slowenisch als Unterrichtssprache etabliert werden können.








Das Forum bestand natürlich nicht nur aus einem Rückblick auf die vergangenen zehn Jahre. Das heurige Schwerpunktthema, die sogenannte Citizen Science bezeichnet Forschung auf wissenschaftlichem Niveau, in die auch Menschen einbezogen werden, die das jeweilige Thema nicht beruflich erforschen, sondern im Alltag Daten erheben und mit auswerten. Besonders die Erforschung von Varietäten und Dialekten bietet hier einen äußerst fruchtbaren Boden für Citizen-Science-Projekte. In ihrem Vortrag berichtete Barbara Heinisch von der Universität für Bodenkultur darüber, dass im Projekt „I am DiÖ (Erforsche Deutsch in Österreich!)“ mit Hilfe der Sprecherinnen und Sprecher die deutschen Dialekte in Österreich erfasst werden; die Mitwirkenden können sogar Einträge für ein gemeinsam entstehendes Wörterbuch zu den von ihnen verwendeten Ausdrücken verfassen.

Ab hier war es natürlich nur ein kleiner Schritt zu dem an die Forumsteilnehmerinnen und -teilnehmer gerichteten Aufruf: Lassen wir Citizen-Science-Projekte entstehen, die das Minderheitenschulwesen voranbringen! Die großen weißen Blätter, die an den Tischgruppen verteilt wurden, blieben nicht lange leer. Iris Zsótér, Direktorin des Zweisprachigen Bundesrealgymnasiums Oberwart, würde gemeinsam mit ihren burgenländischen Kolleginnen und Kollegen eine Imagekampagne zur Popularisierung der Volksgruppensprachen starten. Mehrere Projektentwürfe zielten auf eine verstärkte Zusammenarbeit mit Eltern ab: Judit Makkos-Káldi und Andrea Hütler, Fachinspektorinnen der Bildungsdirektion Burgenland, möchten eine intensivere elterliche Beteiligung am Schulleben der Kinder fördern, während die von Zwetelina Ortega geleitete Gruppe die teilnehmenden Eltern damit betrauen würde, den Sprachgebrauch ihrer Kindergartenkinder aufmerksam zu beobachten. Andrea Király, Leiterin des Ungarischen Schulvereins in Wien (BMIE) und stellvertretende Vorsitzende des Ungarischen Volksgruppenbeirats, würde den Gebrauch der ungarischen Volksgruppensprache unter den Ungarinnen und Ungarn in Wien erforschen – und mit diesem Projekt zugleich das 100-jährige Bestehen des Schulvereins feiern.
Im Bereich des Minderheitenschulwesens müssen in den letzten Jahren – gerade um die Umsetzung von Konzepten in die Praxis und konkrete Ergebnisse zu fördern – Projektanträge beim Bildungsministerium eingereicht werden. Die Projektentwürfe für die kommenden Jahre sind beim diesjährigen Forum Minderheitenschulwesen bereits entstanden.
Text, Titelbild, Fotos: Anna Gazdik
Übersetzung: Pathy
















