Der Burgenländisch-Ungarische Kulturverein veröffentlichte im Jahr 2022 in seinem Jahresmagazin „Őrség” die lokalhistorische Arbeit von János Topler aus Oberwart mit dem Titel „Felsőeőr leírása. Eredete, alakulása, története és tényállása. A felsőőri nép számára” (Beschreibung von Oberwart. Seine Entstehung, Entwicklung, Geschichte und Fakten. Für die Bevölkerung von Oberwart). Der Autor begann sein Buch Weihnachten 1946 zu schreiben und vollendete es 1960 in erweiterter und überarbeiteter Form. Die Stadt Oberwart feiert im Jahr 2027 ihr 700-jähriges Bestehen. Aus diesem Anlass werden wir das Werk von János Topler in Auszügen veröffentlichen.
Die deutschsprachige Bevölkerung begann zu Beginn des 16. Jahrhunderts nach Felsőőr einzusickern. In dieser Zeit taucht auch der deutsche Name unserer Stadt erstmals auf: Oberwart. Der ungarische Name „Felsőőr“ ist der ursprüngliche; der deutsche Name ist lediglich eine Übersetzung des ungarischen Namens. Mit dem Beginn des Protestantismus setzt die Einwanderung der Deutschen nicht nur nach Oberwart, sondern auch in das heutige Burgenland ein. Infolge der grausamen Verfolgung der Protestanten wanderten deutsche evangelische Familien sowohl aus der nahegelegenen Steiermark als auch aus entfernteren Ländern zu, besonders als Herzog Friedrich gegen Ende des XVI. Jahrhunderts jene strengste Verordnung erließ, dass die Anhänger des neuen Glaubens mit sofortiger Wirkung in den Schoß der römisch-katholischen Kirche zurückzukehren hätten oder, wenn nicht, sein Land, das Herzogtum Steiermark, zu verlassen hätten. Die ihrem Glauben treu verbundenen evangelischen Bewohner, die bereit waren, um der Freiheit ihres Gewissens willen die Heimat zu verlassen, wandten sich damals an den edlen Grundherrn von Güssing (Németújvár) mit der Bitte, er möge sie in seinen ausgedehnten Herrschaften ansiedeln – dort, wo die magyarische Bevölkerung infolge des langen Grenzdienstes und der türkischen Verwüstungen, wie man wohl sagen darf, vielerorts bereits auf 10–20 % zurückgesunken war. Obwohl König und Kaiser Rudolf in seinem Schreiben aus dem Jahre 1600 ebenfalls gegen Aufnahme und Ansiedlung Einspruch erhob, nahm Batthyány sie kraft seiner grundherrlichen und burghauptmännischen Rechte dennoch auf, stellte sie unter seinen Schutz und siedelte sie in den Gemeinden am Ostufer der Lafnitz (Lapincs) sowie in seinen Herrschaften Bernstein (Borostyánkő), Stadtschlaining (Szalónak) und Güssing (Németújvár) an. So wurde in Stadtschlaining (Szalónak) auf Einladung des Gönners und Burghauptmanns Ferenc Batthyány Albert Szenczi Molnár, der berühmte Psalmenübersetzer, am 28. April 1613 der erste deutsche evangelische Pfarrer – bis zum 2. Dezember desselben Jahres. In der Zwischenzeit nahm Batthyány ihn mehrfach nach Güssing (Németújvár) mit, wo er ihn seine Bibliothek ordnen ließ.
Die Protestanten konnten in Österreich bei weitem nicht in so weitgehenden Freiheiten leben wie in Ungarn; denn das Königreich Ungarn war in drei Teile zerrissen: Siebenbürgen als selbständiges Fürstentum; die Mitte des Landes, die schöne Tiefebene, sowie Transdanubien und ein großer Teil des Oberlandes standen unter türkischer Herrschaft; der westliche Teil des Oberlandes und dieses heutige burgenländische Gebiet hingegen standen unter der Herrschaft der deutschen Kaiser, beziehungsweise unter dem habsburgischen Szepter, gleichsam als ein Schattenkönigtum.
Der Protestantismus konnte sich in Siebenbürgen zur Zeit István Bocskays, Gábor Bethlens, György Rákóczys, später unter Imre Thököly und Ferenc Rákóczy II. völlig frei ausbreiten. Mehr noch: Unter türkischer Herrschaft kümmerte sich überhaupt niemand darum, wer welcher Religion angehörte; wer nur seine Steuer regelmäßig bezahlte, den behelligte niemand in seinem Glauben und in seiner religiösen Überzeugung.
Unter solchen Umständen war zwar das Oberland und der westliche Grenzsaum, wie von Dynastie so auch von Klerus, streng gehalten; doch zu den Grobheiten der Gegenreformation, wie sie in den Erblanden einsetzten, wagte man sich hier noch nicht in gleichem Maße – dort war die Lage der Protestanten tatsächlich zur völligen Unmöglichkeit und Unerträglichkeit geworden.

Bis 1600 war Oberwart („Felsőeőr“) zu 95 % magyarisch und zu 95 % reformiert. Anfangs sickerte das fremde Element langsam ein, später jedoch immer stärker – sowohl aus der näheren Umgebung als auch infolge des Drucks der Verfolgungen sogar aus entfernteren Ländern, ja selbst aus Bayern. Besonders im Mai 1639, noch unter Ferdinand III., sowie später am 31. Oktober 1731 flohen aus Oberösterreich und Salzburg Hunderte und Tausende unglückliche, ihrem Glauben jedoch treu ergebene deutsche evangelische Familien in die Wart (Őrség) und insbesondere an deren Hauptort, nach Oberwart (Felsőőr); wie – wenn man genauer hinsieht – das Verzeichnis der ältesten deutschen Familien zur Genüge bezeugt.
Daher gibt es im heutigen Burgenland bei 270.000 Einwohnern 38.000 Protestanten; von dieser Zahl sind in Oberwart (Felsőőr) 1.650 Reformierte und 950 Evangelische. 2.600 sind Anhänger des „allgemeinen“, das heißt des römisch-katholischen Glaubens.
Gegen Ende des 17. Jahrhunderts erschien dann in Oberwart (Felsőőr) eine völlig fremde Volksgruppe: die Zigeuner[1], zunächst drei Familien: Horváth, Nardai und Pápai. Am 15. Februar 1674 stellte nämlich Graf Christof Batthyány, Hauptmann von Transdanubien, für den Zigeuner-Woiwoden Márton Sárközi und dessen Volk einen Geleitbrief aus, dem zufolge sie sich im Bereich seiner Herrschaft, das heißt in den zu seinem Zuständigkeitsbereich gehörenden Gemeinden, niederlassen durften, wofür sie alljährlich am Karmittwoch 25 Taler Steuer oder aber ein gutes Reitpferd abzuliefern hatten. Diese neuen Bürger vermehrten sich bis 1939 derart, dass aus drei Familien 75 Familien wurden, mit mehr als 300 Seelen, die 13 % der katholischen Bevölkerung ausmachten. Im Übrigen waren sie gute Gelegenheitsarbeiter, Schmiede und vor allem Musiker ersten Ranges, mochten sie auf Blas- oder auf Streichinstrumenten spielen. Was die Mundart betrifft, so sprach die fremdsprachige Bevölkerung nahezu durchwegs auch die ungarische Sprache – bis wir unter österreichische Herrschaft kamen. Ja sogar in einem solchen Ausmaß, dass man sie im Gespräch kaum von der alteingesessenen ungarischen Bevölkerung unterscheiden kann; ja im Gegenteil: manche verwenden die volle Schriftsprache und nicht den altväterischen Felsőőrer Dialekt.
[1] Bezeichnung im historischen Originaltext (1947); heute wird in der Regel „Roma“ verwendet.
Text, Fotos: BUKV, Őrség 64./2022
Übersetzung: Pathy



























