Die Grenze, die einst trennte, verbindet heute. Auch der wissenschaftliche Werdegang des Geografen Ferenc Jankó verkörpert diese Idee; dafür wurde er kürzlich mit einer hohen Auszeichnung geehrt: Er beschäftigt sich mit der Geschichte des geografischen Wissens über das Burgenland. Seit seiner Kindheit lebte der Forscher in unmittelbarer Grenznähe; all das, was er sah und erlebte, prägte später sein wissenschaftliches Interesse.
Das Burgenland ist nicht bloß eine geografische Einheit auf der Landkarte – die Identität des Landes hat sich im Lauf des vergangenen Jahrhunderts schrittweise aufgebaut. Zu seiner Geschichte gehören Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Karten, politische Entscheidungen und die Schicksale der Menschen im Grenzraum gleichermaßen. Einer der anerkanntesten ungarischen Forscher dieses Prozesses ist Dr. Ferenc Jankó, Geograf und Dozent am Institut für Sozial- und Wirtschaftsgeografie der Eötvös-Loránd-Universität sowie an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Sopron. Er erhielt vor Kurzem die hohe Auszeichnung des Landes Burgenland, den Fred-Sinowatz-Wissenschaftspreis – bei einer Feier in der ehemaligen Synagoge von Kabold/Kobersdorf.

Der 2021 erschienene Band von Ferenc Jankó „Die geografische Entdeckung des Burgenlandes – Wissenschaft, Geopolitik und Identität in der Zwischenkriegszeit“ arbeitet die Geschichte des Wissens über die Region auf, mit besonderem Augenmerk auf die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen. Die Entstehung des Landes war nämlich nicht nur ein politischer und verwaltungstechnischer Prozess, sondern – wie der Autor betont – auch ein geografisches Projekt. Das Burgenland brauchte einen Namen, eine Hauptstadt, Landschaftsbeschreibungen, ein Wirtschafts- und Verkehrsnetz – all das für eine Region, die es zuvor als einheitliches Gebilde nie gegeben hatte. Das Buch ist reich mit Karten, Fotos und einem Ortsregister illustriert und führt die Leserinnen und Leser auf eine sowohl geografische als auch identitätsgeschichtliche Reise. Der Band beleuchtet die Geschichte des Burgenlandes aus einer neuen Perspektive und liefert zugleich wichtige Beiträge zur gemeinsamen Vergangenheit Österreichs und Ungarns.

„Das vorliegende Buch handelt von der Geschichte des geografischen Wissens. Das Burgenland, Österreichs vor hundert Jahren auf den Pariser Friedenskonferenzen entstandenes Bundesland, ist ein hervorragendes Beispiel dafür, dass geografisches Wissen nicht einfach gegeben ist: Es wird von Geografinnen, Geografen und anderen ,Wissensproduzentinnen und -produzenten‘ geschaffen und diente damals dazu, die Abtretung des Gebietes zu legitimieren, die geografische und touristische Identität des Burgenlandes zu formen sowie seine geopolitische Rolle zu fassen.“
– Auszug von der Buchrückseite
„Ich bin Soproner, wurde aber in Szombathely geboren – aus rein technischen Gründen, da ich als Frühchen zur Welt kam und im Nachbarort die passende medizinische Versorgung erhielt“, erzählt Ferenc Jankó. „Die Geschichte meiner Familie ist komplex. Meine Großeltern kamen zur Zeit der Nachkriegsumsiedlungen hierher, als leere Häuser mit neuen Bewohnern – den „Zug’reisten“ – gefüllt wurden; zugleich finden sich kroatische, slowakische und sogar Matyó-Wurzeln in unserer Familie.“ Für ihn war die Grenznähe völlig alltäglich. Vom Haus aus blickte man nach Österreich, als Kind spielte er an den Schienen. Seine Erinnerungen an das Leben im Grenzraum – Schwarzarbeit, Begegnungen mit Grenzern, Einkaufstouren nach der Wende – flossen in jenes Weltbild ein, aus dem sich später das Forschungsthema ergab. „Geografie interessierte mich seit der Kindheit. Ich blätterte in Karten, zeichnete Städte; mich interessierten aber nicht nur die Orte, sondern auch ihre Geschichten“, sagt er.

Das Buch gliedert sich in zwei größere Teile: Die Hauptlinie bildet die Vorstellung jener Autorinnen, Autoren, Institutionen, Zeitschriften und Bücher, die den Burgenland-Diskurs prägten, samt Analyse ihrer Feststellungen. Es folgt – unter dem Kapiteltitel „Private Entdeckung“ – ein längerer Teil, der die eigene Interpretation des Autors vom Burgenland zusammenfasst. So lernen wir zugleich die Geschichte der Wissensproduktion über das 1921 entstandene Bundesland kennen und Ferenc Jankós persönlichere Sicht auf die Geschichte und Geografie der Region. Anzumerken ist, dass sich diese beiden Teile nicht scharf trennen lassen, denn auch die Art der wissenschaftshistorischen Darstellung kann vom Burgenland-Bild, dem Interesse und dem Wissenschaftsverständnis des Autors beeinflusst sein – und umgekehrt. Vermutlich inspirierte diese Erkenntnis den letzten Satz des Werkes: „Wahrhaftig können wir einsehen: Das ganze Buch war eine Entdeckung aus eigener Perspektive – die Entdeckung des Burgenlandes und seiner Entdecker.“
(Quelle: László Dávid Törő/Korall, 23. Jg., H. 4 (2022))

Er besuchte die Schule in Sopron, schloss das Geografiestudium an der Eötvös-Loránd-Universität ab und promovierte dort; in seiner Dissertation analysierte er die Erneuerung westungarischer historischer Städte – Sopron, Kőszeg und anderer Orte in Transdanubien. Seine zwei Hauptforschungsgebiete sind gesellschaftliche Fragen von Umwelt- und Klimawandel sowie die historische Geografie des Burgenlandes. Er untersuchte, wie jenes Wissen entstand, das heute in der öffentlichen Wahrnehmung über das Bundesland präsent ist.
„Im Grunde motivierte mich auch die Frage, auf welche Weise das Burgenland ,erfunden‘ wurde. Wie wurde seine geografische Identität beschrieben, wie hat sich diese in den letzten hundert Jahren entwickelt“, erläutert er. „Bei der Entstehung des Bundeslandes kamen Geografinnen und Geografen im wahrsten Sinn des Wortes zur Entdeckung hierher: Sie verfassten Studien und Bücher über jenes neue Gebiet, das Österreich erhalten hatte.“ Die Fachleute kamen anfangs aus Wien und Graz; die geografische, ethnische und politische Beschreibung der Region wurde vor allem von außen geprägt. Eine wichtige Rolle spielten die kroatischen Gemeinschaften, um die sich identitätspolitische Debatten drehten. Die Rolle der ungarischen Minderheit hingegen trat schrittweise in den Hintergrund: Nach dem Ersten Weltkrieg verließen viele Menschen das Land. In der Zwischenkriegszeit tauchten in den geografischen Beschreibungen der Region auch die großen deutschsprachigen ideologischen Diskurse auf, die das Burgenland entlang geopolitischer Interessen neu interpretierten. „Die Zeit des Eisernen Vorhangs gab dem Begriff ,Grenzraum‘ eine neue Bedeutung. Heute ist die Wahrnehmung des Burgenlandes von einer gewissen Zweigleisigkeit geprägt: Aus den innerösterreichischen Bundesländern wird es oft als peripher betrachtet, aus ungarischer Sicht erscheint es nicht selten als eine Art ,Gelobtes Land‘. Das ist aus Sicht des Landesbewusstseins oft eine gespaltene Situation“,führt er aus.

Für Ferenc Jankó ist dies nicht nur eine wissenschaftliche Frage, sondern auch eine persönliche Angelegenheit: Ausflüge, Radtouren, Recherchen vor Ort trugen dazu bei, dass das Burgenland – auch wenn es offiziell Teil eines anderen Staates ist – zum Bestandteil seiner eigenen geografischen Identität wurde. „Geografie handelt nicht nur davon, „wo etwas liegt“. Sie zeigt auch, wie wir die Welt in unseren Köpfen formen. Ich denke, die Chronik des Burgenlandes ist im Grunde eine Erfolgsgeschichte. Das Land ist zusammengeblieben, und die Geografie hat dazu beigetragen, dass diese Region in der Mitte Europas ein Ort mit eigener Identität wurde“, schließt der Autor, der neben Lehre und Forschung auch als vierfacher Vater seinen Alltag meistert.
Fotos: Dr. Ferenc Jankó
Text: Mónika Gombás
Übersetzung: Pathy
























