Lohnt es sich, an einem Freitagnachmittag mehr als zwei Stunden nach Wien zu einem Literaturwettbewerb zu fahren? Aber natürlich – schließlich geht es um die OlvaSHOW, die heuer eine Rekordzahl an Teilnehmerinnen und Teilnehmern anzog: Bei den Jüngeren traten 11, bei den Älteren 7 Teams gegeneinander an. Knetfiguren, versteckte Schatullen, in Flaschen verschlüsselte Botschaften und viele weitere spannende Aufgaben – besonderer Dank gebührt hier Ildikó Nick sowie dem veranstaltenden Wiener Ungarischen Schulverein und der Wiener Ungarischen Schule. Im Folgenden berichtet eine Mutter aus Graz.
„Freitag, 14. November, später Nachmittag, 16:30 Uhr? Bis dahin kommen wir vielleicht an. Wir werden gerade so viel Zeit haben, um nach Hause zu kommen, die Schultaschen abzuwerfen, die Reiserucksäcke zu packen – und ab in den Bus nach Wien! Gut, dann melden wir uns eben mit zwei gemischten Teams – mit Wiener Kindern und Kindern aus Graz – zur OlvaSHOW an.“ So begann unser Wiener Abenteuer in der vergangenen Woche, als zwei Grazer Mütter mit vier Kindern beschlossen, dass dieses Programmangebot trotz der Entfernung nicht auszulassen ist.
Zunächst galt es jedoch, das ausgewählte Buch zu organisieren – eine Aufgabe, die selbst für Familien in Wien herausfordernd sein kann. Manche warten auf die Herbstferien und besorgen die Lektüre in Ungarn, andere bestellen das Buch einfach. Unsere Mischlösung bestand schließlich in einer Buchhandlung in Szombathely und der Hilfe einer engagierten Kollegin, die dort regelmäßig vorbeischaut.








Zum Bewerb der 7- bis 8-Jährigen trafen wir buchstäblich in letzter Minute im Großen Saal des Collegium Hungaricum ein, wo bereits das dritte, Wiener Teammitglied auf uns wartete. „Fekete sereg, Kutyusok, Három holló, Bodza, Szuper csapat, A gyűrű őrzői, A holló bajnokai, Gyűrű, Mátyás templom …“ – bereits aus den Teamnamen ergab sich, dass das ausgewählte Buch – Judit Berg: A holló gyűrűje – mit König Matthias und den Hunyadis zu tun hatte. So viel dürfen wir verraten: Der wichtigste Schauplatz der Geschichte ist die Matthiaskirche in der Budapester Burg, auf deren Turm ein Rabe einen Ring verliert; Hund Bodza spielt eine entscheidende Rolle bei dessen Wiederauffindung.
Natürlich erwartete die OlvaSHOW nicht, dass die Teams kleinste Details der Handlung nacherzählen. Für die sechs Aufgaben waren ganz unterschiedliche Fähigkeiten gefragt, sodass sich jedes Teammitglied als wichtig erleben konnte: gute Schreib- und Sprachkompetenz, um einen Fließtext in Sätze zu zerlegen; geschickte Hände, um eine Figur aus dem Buch aus Knetmasse zu formen; logisches Denken, um die in einer Flasche verborgene Geheimschrift zu entschlüsseln; Schnelligkeit beim Aufspüren der an mehreren Stellen im Saal versteckten Schatullen und beim Zuordnen und Aufkleben der darin gefundenen Wörter; sowie genaue Kenntnis der Handlung für die Richtig-/Falsch-Aufgabe oder das Beantworten der Plickers-Quizfragen per QR-Code.




Nach dem Bewerb der Jüngeren waren die Älteren an der Reihe; auch hier nahmen wir mit einem gemischten Grazer-Wiener Team teil. In ihrer Altersgruppe war das ausgewählte Buch naturgemäß deutlich umfangreicher – Borbála Szabó: A János-vitéz kód – und die Aufgaben stellten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer vor größere Herausforderungen. Nicht zufällig wählten sie Teamnamen wie „A 3 Einstein“, „Viki, Léna és a titkos kód“, „A négy Einstein“, „Betűk ligája“, „Kódfejtők“, „Kódtörők“ und „János.exe“. Unter anderem mussten sie ihr Team in Form eines vierzeiligen Gedichts vorstellen, mit dem Smartphone QR-Codes scannen und ein Rätsel lösen, Darstellungsspiele nach dem Prinzip von „Most mutasd meg!“ meistern und erraten, welche Figur im Roman ein bestimmtes Zitat sagt.





Am Ende erhielt jedes Kind eine Urkunde und als kleines Geschenk ein Lesezeichen, das man auf eine Buchseite stecken kann; die Mitglieder der drei bestplatzierten Teams durften außerdem noch ein Buch mit nach Hause nehmen: Die Älteren Az ellenállók vezére von Anikó Wéber, die Jüngeren A macska karácsonyi varázslat von Ágnes Mészöly. Die Älteren hatten in mehrfacher Hinsicht Glück: Az ellenállók vezére wird die ausgewählte Lektüre der OlvaSHOW im kommenden Jahr sein – die Buchbeschaffung entfällt für sie also. Der Roman ist in der Reihe „Abszolút töri“ erschienen, versetzt die Leserinnen und Leser in die Zeit des Ausgleichs und weist zahlreiche Österreich-Bezüge auf.
Die OlvaSHOW wurde vor sieben Jahren von Ildikó Nick, Ungarischlehrerin des Wiener Ungarischen Schulvereins und der Bunte Schule, ins Leben gerufen. Bei der Organisation unterstützten neben Ildikó Nick auch Andrea Király, Annamária Mertzné Kugler, Judit Sass, Lisa Schneider, Anna Szegi und Katalin Gyovai die Durchführung der Veranstaltung.








Die positive Wirkung des Wettbewerbs reicht jedoch weit über unbeschwerte Unterhaltung und spannende Rätsel hinaus. Seine Bedeutung liegt vor allem darin, dass er den teilnehmenden Kindern und Jugendlichen echte Leseerlebnisse auf Ungarisch vermittelt. Kinder, die im Ausland leben, lesen nämlich in der Regel flüssiger in der Mehrheitssprache – hier Deutsch, das zugleich Unterrichtssprache ist – als in der Familiensprache. Zwar „müssen“ die Bücher für den Wettbewerb natürlich gelesen werden, dennoch entsteht kein Gefühl von „Pflichtlektüre“: Die sorgfältig ausgewählten Romane konnten viele Kinder nach den ersten Seiten kaum noch aus der Hand legen, und manche lasen das Buch sogar mehrfach.
An diesem Nachmittag zählte wirklich das Dabeisein und nicht das Gewinnen – so viel können wir aber doch verraten: Alle Grazer Teilnehmerinnen und Teilnehmer erhielten ein Buch als Preis, das sie am nächsten Tag auf der Rückfahrt im Bus auch gleich ausgelesen haben. Von ihren Teamkolleginnen und Teamkollegen verabschiedeten sie sich mit den Worten: „Bis nächstes Jahr – am selben Ort!“


Titelbild, Fotos: Anna Gazdik
Text: Anna Gazdik
Übersetzung: Pathy















