Der Burgenländisch-Ungarische Kulturverein veröffentlichte im Jahr 2022 in seinem Jahresmagazin „Őrség” die lokalhistorische Arbeit von János Topler aus Oberwart mit dem Titel „Felsőeőr leírása. Eredete, alakulása, története és tényállása. A felsőőri nép számára” (Beschreibung von Oberwart. Seine Entstehung, Entwicklung, Geschichte und Fakten. Für die Bevölkerung von Oberwart). Der Autor begann sein Buch Weihnachten 1946 zu schreiben und vollendete es 1960 in erweiterter und überarbeiteter Form. Die Stadt Oberwart feiert im Jahr 2027 ihr 700-jähriges Bestehen. Aus diesem Anlass werden wir das Werk von János Topler in Auszügen veröffentlichen.
Weit im Osten, in den Steppen Asiens, zunächst auf dem Aldan-Hochland zwischen Lena und Amur, dann später in Innerasien, rund um den Balchasch-See, den Aralsee, am Amu-Darja und in Dzungarien, im sogenannten Turkestan, führte das ungarische Volk ein Nomadenleben und zog, von Weide zu Weide wandernd, durch das Land. Da sie sich in jener Zeit überhaupt noch nicht mit Ackerbau befassten, sondern neben Kriegszügen, Jagd und Fischfang vor allem die Viehzucht ihren Haupterwerb bildete, suchten sie stets solche Gegenden auf, wo sich neben großen Wäldern und Gewässern auch weite Grasflächen, die sogenannten Steppen, fanden.
Schon damals bestand das ungarische Volk aus sieben Stämmen. Die Stammesfürsten hießen Nyék, Megyer, Gyarmat, Tarján, Jenő, Kara und Kaza. Unter der Führung dieser Häuptlinge zogen sie aus ihrer Urheimat fort und wandten sich nach Nordwesten. Auf ihrem Weg in die neue Heimat erreichten sie die Gebiete am Uralfluss, im Uralgebirge und an den Flüssen Etel (Wolga) und Kama, wo sie um 550 zuerst Groß-Ungarn (Baskardien) gründeten. Von dort zogen sie unter der Führung Apó Khuns südwärts in das Gebiet der Flüsse Etel (Wolga) und Thanais (Don), in das Dongebiet-Ungarn, das Dentumoger oder auch Lebedia genannt wurde und seinen Namen von einem chasarischen Fürsten namens Lebediás erhielt. Dort kamen sie bereits um 862 in gewissem Maße mit dem christlichen Glauben in Berührung. Dieser Lebediás stand zu den Ungarn in einem freundschaftlichen Verhältnis. Von dort aus drängte sie der Druck der Petschenegen in das Gebiet der Flüsse Danapris (Dnjepr), Hypanis (Bug), Tiras (Dnjestr), Brútos (Pruth), Rieratus (Sereth) und der unteren Donau (Ister), in das sogenannte Flussland, Etelköz (Atelkuzu). Doch auch dort wurden sie von den Bulgaren bedrängt und von Osten her abermals von den Petschenegen angegriffen, sodass sie gezwungen waren, auch diese Heimat zu verlassen und weiterzuwandern. Zu dieser Zeit bestand das ungarische Volk bereits aus 108 Sippen mit 1 200 000 Seelen, aufgeteilt in sieben Heere mit insgesamt 210 000 waffenfähigen Männern, ebenfalls unter sieben Anführern: Álmos, Előd, Ond, Kond, Tass, Huba und Töhötöm. Zu diesem Heeresverband schloss sich mit seinen 40 000 Kriegern der bereits erwähnte Lebediás, einer der tapferen chasarischen Fürsten. So kam es, dass sie nun in das Land des Fürsten von Kiew einfielen (in das Großfürstentum Wladimir–Nowgorod, den Vorläufer des heutigen Russlands). Schließlich erreichten sie um das Jahr 880, nach so vielen Wanderungen, Kämpfen und Wechselfällen, die Schutzwälle unserer heutigen schönen Heimat: die Karpaten und deren Pässe. Hier gab der Fürst von Halicz (Ostgalizien) den Ungarn zu verstehen, dass dieses Land tatsächlich jenes ihrer großen Vorfahren sei – der Hunnen und Awaren, des Königs Attila, jenes sagenhaft reichen und herrlichen Reiches.

Die Ungarn hatten nämlich schon in Etelköz auf den Rat Lebediás’, des chasarischen Fürsten, beschlossen, einen gemeinsamen und erblichen Fürsten zu wählen, dem sowohl die Häuptlinge der einzelnen Stämme als auch das gesamte Volk gehorchen sollten. Nach den Chroniken wählten sie Álmos’ und Emeses Sohn, den stattlichen Árpád, den tapfersten aller Krieger, zu ihrem Fürsten. Ihn hoben sie nach chasarischem Brauch unter Freudenjubel des Volkes auf den Schild und verherrlichten ihn. Diesen Akt bestätigten die sieben Fürsten auch mit einem Blutsvertrag, indem sie sich an den Armen die Adern aufschnitten, ihr Blut in einen Becher rinnen ließen und gemeinsam daraus tranken und sprachen: „Wer von uns sich jemals vom Fürsten abwenden oder ihn verletzen würde, dessen Blut fließe ebenso; sollte aber der Fürst Verrat begehen, so werde sein Blut geteilt!“ Das war der Blutvertrag. Die sieben Fürsten hießen Gyula, Kont, Szabolcs, Eörs, Lehel, Botond und Verbölcs.
Die Gründung des Reiches wurde im Jahr 896 vollendet, als sich das Ungartum endgültig niederließ und nach und nach in immer größerem Umfang Ackerbau, Handwerk und Handel ergriff. Von seinen kriegerischen Raubzügen musste es langsam, wenn auch ungern, immer mehr Abstand nehmen, sonst wäre ihm dasselbe Schicksal zuteilgeworden wie den Vorfahren, den Hunnen und Awaren, die trotz aller Macht über ein großes Reich zerfielen wie ein abgebundener Garbenstoß und für immer verschwanden.
Die neue Heimat, unser heutiges schönes Vaterland, war also gegründet! Doch damit dieses kleine Volk sie auch behaupten konnte, musste ihr Bestand gesichert werden. Unsere Vorfahren hatten bereits aus einigen Niederlagen gelernt (bei Merseburg und Riade am 15. März 933 und auf dem Lechfeld bei Augsburg am 10. August 955) und erkannten, dass es so nicht weitergehen konnte, sondern dass sie fortan friedlich und in Eintracht inmitten der großen Ströme der benachbarten Völker leben mussten. Daher wandten sie sich immer entschiedener dem Ackerbau, dem Handel und dem Handwerk zu und traten unter unserem ersten König, dem heiligen Stephan, zugleich zum christlichen Glauben über. Dadurch fügten sie sich auch immer stärker in die Lebensweise und die Sitten der umgebenden Völker ein und stellten überall entlang der Grenzen Wachen auf.
Diese Wachen – die „Őrségek“ – waren dazu berufen, einen etwa einfallenden Feind für eine gewisse Zeit aufzuhalten und ihn bis zum Eintreffen des Hauptheeres von den Grenzen fernzuhalten. Diese Grenzwachen waren selbstverständlich auch in Friedenszeiten waffentragende Soldaten. Die „Őrök“ (Wächter) waren Fußaufklärer (speculatores), die Bogenschützen berittene Schützen (sagittarii).
Als Fürst Árpád das Land des Mén Marót bis zum Szeklerland gewonnen hatte, schlossen sich die Szekler – als Nachkommen der einstigen Hunnen und Awaren – den Ungarn sofort an. Unter der Führung von Előd, Öcsöb und Valak überschritten sie die Donau in Transdanubien und unterwarfen das Gebiet bis zur Lafnitz (Lapincs).
Die Heere des deutschen Königs Arnulf warfen sogar ihre Rüstungen weg, um leichter vor den sie verfolgenden, wendigen ungarischen Reitertruppen fliehen zu können; daher nannte man jenes Gebirge „Vértes“ (Gebirge der Harnische). Die Lafnitz (Lapincs) nannte man Laponsu, weil hier die deutschen Soldaten bei Nacht auf das andere Ufer hinübergeschlichen waren.
In dieser Zeit wurden also die tapferen Szekler im Jahr 895 als Grenzwächter von Borostyánkő (Bernstein) bis Németújvár (Güssing) angesiedelt.
Az Őrség. Praesidium. (In der Warth). Die Warth
Eine solche Grenzwache unter den vielen waren auch Felsőeőr, Alsóeőr, Eőri-Szigeth und Eőri-Jobbágyi. Demnach reicht der Ursprung dieser vier ungarischen Gemeinden bis auf die Zeit der Reichsgründung zurück; ihre Bewohner waren von Borostyánkő bis Németújvár als Grenzwächter eingesetzt. Als Gegenleistung erhielten sie bereits von den Fürsten, später dann sowohl von den früheren als auch von den späteren Königen dieses Gebiet als Wachtgebiet, mit all seinen Rechten, Freiheiten, Vorrechten und zugleich mit all seinen Verpflichtungen. So wurde also das Gebiet dieser vier Ortschaften, das heißt der Grenzbezirk der Őrség, diesen Wächterfamilien verliehen (Nobiles Armati, „Armalisten“, das heißt niedere Adelige), über die der Burghauptmann von Németújvár die Verfügung hatte.
Dies geht bereits aus den Urkunden Stephans I. (1000), Ladislaus’ I. (1092), Belas IV. (1246), Stephans V. (1272) und Karls Robert (1327) hervor; ja, König und Kaiser Rudolf bestätigte in seiner am 18. Februar 1582 ausgestellten letzten Stiftungsurkunde die Bewohner der Őrség abermals in ihrer bisherigen Stellung.
Text: BUKV, Őrség 64./2022
Übersetzung: Pathy



























