Zehn Jahre lang prägte Iván Bertényi jun. als stellvertretender wissenschaftlicher Direktor des Collegium Hungaricum (CH) und als Direktor des Instituts für Ungarische Geschichtsforschung in Wien (IUGW) die Arbeit beider Einrichtungen – nun nimmt er Abschied. Im Interview spricht er über Erfahrungen, Misserfolge und Erfolge des vergangenen Jahrzehnts, über die Welt von Forschung und Kompromissen – und darüber, was Wien für ihn beruflich und menschlich bedeutet hat.
Zsófi Rick/Rólunk.at: Wolltest du eigentlich hierher – konkret nach Wien?
Iván Bertényi jun.: Ja. Mein historisches Forschungsthema ist der Dualismus und die Zeit von Franz Joseph, und dafür ist die Untersuchung der österreichisch-ungarischen Beziehungen unverzichtbar. Archivquellen zu dieser Epoche waren bis 1918 gesperrt; nach dem Zerfall der Monarchie öffneten sich zwar die Türen, aber nur für kurze Zeit, denn nach 1945 konnte man nicht mehr frei nach Wien reisen. Beziehungsweise wurde es nur sehr wenigen erlaubt – und gemessen daran war das aufzuarbeitende Material viel zu umfangreich. Das änderte sich 1989. Zum Glück ist seitdem alles frei zugänglich, und ich habe das auch genutzt. Als ich Anfang 2015 meine Bewerbung für die Stelle als stellvertretender wissenschaftlicher Direktor des CH einreichte, klang es ziemlich gut, dass ich bis dahin insgesamt schon ein Jahr in Wien verbracht hatte – mit verschiedenen Stipendien – und auch an der Universität Wien studiert hatte. Während dieser Zeit sah ich, was meine Vorgänger in dieser Funktion machten, und dachte: Das wäre spannend auszuprobieren. Ich war damals vierzig, hatte bereits eine wissenschaftliche Karriere aufgebaut und ein recht stabiles berufliches Netzwerk.

Zsófi Rick/Rólunk.at: Neben der wissenschaftlichen Arbeit ist das ja auch stark kulturdiplomatisch. Was hat dich mehr gereizt?
Iván Bertényi jun.: Ehrlich gesagt habe ich gehofft, dass ich mehr Zeit fürs Forschen haben werde. In den ersten Jahren hat das kaum funktioniert; ich bin eigentlich nur dann überhaupt in die Nähe des Archivs gekommen, wenn dort zufällig eine Veranstaltung war.
Zsófi Rick/Rólunk.at: Das ist extrem frustrierend, oder?
Iván Bertényi jun.: Ja, absolut. Ich fühlte mich wie Tantalos: Ich strecke mich nach den Früchten am Baum – und bekomme doch nie das, wonach ich mich sehne. In den letzten Jahren hat sich das geändert: Einerseits hatte ich in vielen Bereichen Routine gewonnen, andererseits ist Erika Csik, die wissenschaftliche Assistentin des Instituts, eine derart unglaublich professionelle Unterstützung, dass sie mir alle manuellen, administrativen Lasten abgenommen hat. So musste ich mich wirklich nur auf die intellektuelle Richtung konzentrieren – etwa darauf, wen wir einladen –, und dadurch blieb mir mehr Zeit für wissenschaftliche Arbeit. Da ich kein ausgebildeter Diplomat bin, hat mich der diplomatische Teil anfangs nicht besonders angezogen. Aber 2012/13 habe ich ein Studienjahr in den USA unterrichtet, an der Indiana University in Bloomington; dort habe ich auch in diesen Bereich Einblick bekommen, denn es wurde erwartet, dass wir das Land, aus dem wir kamen, vorstellen und dazu auch Fachprogramme organisieren. In Wien wurde der Aufbau von Kontakten dann ein sehr wichtiger Teil meiner Arbeit. Ich habe versucht, mein bestehendes Netzwerk zu nutzen und auch die Kontakte anderer für die Arbeit des CH und des IUGW nutzbar zu machen. Zum Beispiel ist Géza Pálffy, einer der großartigsten ungarischen Historiker der Frühen Neuzeit, ein sehr guter Freund und Kollege von Professor Thomas Winkelbauer, der jahrelang ein wichtiges Institut an der Universität geleitet hat. Bei ihm habe ich sozusagen angeklopft mit dem Hinweis: Géza Pálffy hat gesagt … Inzwischen ist auch er ein zentraler Partner des CH, an den ich mich jederzeit wenden kann. (Das wird jetzt niemand glauben, aber genau in diesem Moment sind Géza Pálffy und seine Frau zur Bürotür hereingekommen, um sich von Iván zu verabschieden und sich für diese zehn Jahre zu bedanken. Das war nicht ausgemacht.)

Zsófi Rick/Rólunk.at: Können sich solche fachlichen Kontakte auch über die wissenschaftliche Szene hinaus auswirken? Öffnen sie Wege zu einem breiteren Publikum – braucht man das überhaupt?
Iván Bertényi jun.: Ich denke, die wissenschaftliche Arbeit im CH hat ihren Nutzen in erster Linie in Fachkreisen. Breiter wirken können wir nur dann, wenn das jeweilige Thema für Österreicherinnen und Österreicher interessant ist – aber Ungarn ist als Thema in Österreich nicht mehr so spannend. Das war es, als wir Teil eines gemeinsamen großen Reiches waren, später in der Kádár-Zeit und in gewissem Maße auch rund um die Wende. Damals sagten viele ungarische Politologinnen und Politologen: Am besten ist es, wenn man sich nicht mit uns beschäftigt – wir sollen ein genauso langweiliges, reiches, ruhiges Land sein wie Dänemark. (Nun ja, das hat nicht geklappt.) Und ich weiß nicht, ob das CH oder das IUGW echte Chancen haben, daran etwas zu ändern. Vor zehn Jahren bin ich mit der Hoffnung gekommen: Wenn ich ehrliche Neugier gegenüber Ungarn erlebe, kann ich dazu mit den besten historischen Materialien und Menschen beitragen. Deswegen haben wir 2017/18 im Herbstsemester an der Universität Wien eine ungarische historische Ringvorlesung organisiert. Das Gute daran war, dass wir zu jedem Thema die besten Expertinnen und Experten einladen konnten. Da waren ziemlich viele Leute.
Zsófi Rick/Rólunk.at: Vielleicht braucht es einen ganz anderen Blickwinkel? Wir sind ja auch EU-Mitglied, man kann frei reisen, vieles ist online recherchierbar …
Iván Bertényi jun.: Die Covid-Zeit hat eigentlich erst gezeigt, dass die traditionellen Tätigkeiten eines Kulturinstituts formal erneuert werden müssen. Die Welt war zu, wir mussten auf Online-Formate umstellen – aber darin hatten wir keine Erfahrung. Wir versuchten Online-Konferenzen zu organisieren; manches gelang sehr gut, anderes hörten nur fünf bis zehn Leute. Der Schub ins Digitale während Covid war stark genug, dass wir einsehen mussten: Wir müssen Programme anbieten und Inhalte produzieren, die nicht an Ort und Zeit gebunden sind. Aber wenn ich etwas auf YouTube stelle, muss ich es auch bewerben – denn niemand setzt sich vor YouTube mit dem Gedanken: „So, jetzt suche ich ungarische historische Videos.“ Ich hoffe, dass meine jüngeren Nachfolgerinnen und Nachfolger ohnehin in dieser Online- und Podcast-Kultur leben und dadurch neue Menschen erreichen können.




Zsófi Rick/Rólunk.at: Ich habe ein ORF-Interview von deiner Ernennung gefunden. Damals sagtest du, du möchtest neben den Forschungsthemen der bisherigen Direktoren auch deine Epoche einbringen, weil „in der Zeit des langen 19. Jahrhunderts die österreichisch-ungarischen wissenschaftlichen Beziehungen gestärkt werden müssen“. Ist dir das gelungen?
Iván Bertényi jun.: Ich habe versucht, darauf zu achten, meinen Aufenthalt nicht um mein persönliches Interesse und mein eigenes Forschungsthema herum zu organisieren – das wäre nicht korrekt. Ich habe mir in den letzten Tagen die wichtigsten Projekte dieser zehn Jahre angesehen, und Themen des 19. Jahrhunderts waren nicht in der Überzahl. Ich habe mich bemüht, laufende, funktionierende gemeinsame Forschungen zu unterstützen und in den Vordergrund zu stellen. Viele Veranstaltungen behandelten die Frühe Neuzeit, und oft war es sinnvoller, in Richtung 20. Jahrhundert zu gehen, weil diese Themen die Leute mehr interessierten. Allerdings gab es genau in diesen zehn Jahren auch viele Jubiläen, sodass wir eine große Franz-Joseph-Konferenz zum 100. Todestag organisieren konnten; rund um den Zerfall der Monarchie gab es mehrere internationale Projekte, Buchpräsentationen und Konferenzen, und auch das 100-jährige Jubiläum des CH eröffnete viele Möglichkeiten.
Zsófi Rick/Rólunk.at: Was hast du in diesen zehn Jahren am meisten genossen?
Iván Bertényi jun.: Zum Beispiel, dass ich Vater geworden bin. Dass ich genau hier lebte, als das passierte, lässt sich schwer trennen. Und überhaupt: In Wien zu leben ist schön. Es ist eine entspannte Stadt, eine schöne Stadt. Manchmal, wenn ich etwa von der Botschaft zurück ins CH hetzte, habe ich absichtlich langsamer gemacht und mir gesagt: „Iván, du bist jetzt hier – schau dir diese schönen Häuser an und freu dich, dass du das genießen kannst. Für dich ist das gerade ein Spaziergang nach Hause.“ Ich mochte die Wiener Bibliotheken, in denen so vieles vorhanden ist, was es zu Hause nicht gibt. Gegen Ende meiner Zeit hier war ich ziemlich oft im Archiv: Ich verabschiedete mich im Kindergarten von meinem Sohn, ging dann zum Minoritenplatz, bestellte eine Schachtel, sah sie durch und kam danach ins Büro. Wenn ich es rational, beruflich sehe, habe ich langfristig sehr viel von diesen Jahren profitiert. Emotional denke ich an Dinge wie: welche Spielplätze der Kleine mit seinem Dreirad abgefahren ist; wie wir in den Augarten oder auf die Donauinsel gegangen sind, wo das Wasser so kalt war, dass wir fast erfroren; oder wie wir schon im Mai immer Eis bei Zanoni gegessen haben … Alles in allem: Es war gut, hier zu leben.
Zsófi Rick/Rólunk.at: Und warum gehst du dann nach Hause?
Iván Bertényi jun.: Das hat vor allem familiäre Gründe. Natürlich komme ich jederzeit gern mit einem Stipendium zurück, um hier zu forschen. Und ich habe auch den Gedanken, dass andere ebenfalls eine Chance bekommen sollen. Ich habe es so gemacht – gut oder schlecht –, jetzt soll jemand kommen, der es anders macht.
Die Geschichte des Instituts für Ungarische Geschichtsforschung in Wien (IUGW)
Die Ungarische Historische Gesellschaft – Ungarns älteste, seit 1867 ununterbrochen bestehende wissenschaftliche Vereinigung – beschloss 1920, in Wien ein Forschungsinstitut zu gründen. Nach dem Zerfall der Monarchie wurden nämlich jene zuvor gesperrten Archivbestände mit Ungarn-Bezug zugänglich, deren Erforschung bis dahin eingeschränkt gewesen war. Hinter dem Plan stand der damalige Präsident der Gesellschaft, Kuno Klebelsberg: Sein politischer Einfluss und seine finanziellen Mittel ermöglichten die Organisation langfristiger Stipendien für junge Historikerinnen und Historiker.
Das Institut wurde im Trautson-Palais untergebracht, einem nach der Monarchie halb leer stehenden ungarischen Staatseigentum. In den 1920er- und 1930er-Jahren entstand ein produktives Forschungsumfeld: Unter den ersten Stipendiatinnen und Stipendiaten waren István Hajnal und Elemér Mályusz, die später die ungarische Geschichtsschreibung der Zwischenkriegszeit maßgeblich prägten. Das Institut veröffentlichte damals rund fünfzig Quelleneditionen, vor allem zum 19. Jahrhundert, und auch zuvor politisch sensible Themen – etwa die Ereignisse von 1848 – wurden erforschbar.
1924 entstand parallel auch das Collegium Hungaricum, das ursprünglich ebenfalls eine wissenschaftliche Einrichtung war und noch kein Kulturzentrum. Im CH arbeiteten nicht nur Historikerinnen und Historiker; auch Juristinnen und Juristen, Medizinerinnen und Mediziner, Kunsthistorikerinnen und Kunsthistoriker, Architektinnen und Architekten oder Germanistinnen und Germanisten konnten mit ungarischem Staatsstipendium an der Universität Wien studieren. Während das Historische Institut langfristige Forschungsplätze anbot – fast im Sinne eines Doktoratsstudiums –, waren im CH auch kürzere Stipendien von nur wenigen Wochen üblich.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Historische Institut aufgelöst; sein letzter Direktor blieb in Wien. Das CH wandelte sich schrittweise zu einer kulturellen Institution: In den Jahrzehnten des Sozialismus stand die Präsentation ungarischer Kultur im Westen im Vordergrund, wissenschaftliche Arbeit trat in den Hintergrund.
Zur Reorganisation des Instituts kam es im Jahr 2000: Gábor Újváry, damals stellvertretender wissenschaftlicher Direktor des CH, initiierte die Stärkung des historischen Profils; um 2010 startete unter der Leitung von Csaba Szabó, dem damaligen Direktor des CH, auch eine deutschsprachige wissenschaftliche Publikationsreihe. Heute arbeitet das Institut für Ungarische Geschichtsforschung in Wien unter dem Dach des CH; seine Direktorin oder sein Direktor ist zugleich stellvertretende wissenschaftliche Direktorin oder stellvertretender wissenschaftlicher Direktor des CH.
Titelbild und Fotos: Iván Bertényi jun.
Text: Zsófi Rick
Übersetzung: Pathy



























