Die Medizinische Universität Wien verlieh Katalin Karikó die Ehrendoktorwürde sowie die Semmelweis-Medaille. Anlässlich ihres mehrtägigen Wien-Besuchs nahm sie an der Eröffnung einer Ausstellung über ihr Leben im Josephinum teil und hielt im Collegium Hungaricum einen motivierenden englischsprachigen Vortrag für Wiener Oberstufenschülerinnen und -schüler.
Am Morgen des 20. Mai füllte sich der Vortragssaal des Collegium Hungaricum mit begeisterten Jugendlichen. Sie waren zu einer besonderen Vorlesung gekommen. Die Nobelpreisträgerin Katalin Karikó hatte selbst darum gebeten, mit Schülerinnen und Schülern sprechen zu dürfen und ihnen von ihrem Leben und ihren Herausforderungen zu erzählen. Das Collegium Hungaricum, in Kooperation mit der Stadt Wien, lud dafür naturwissenschaftlich interessierte Maturantinnen und Maturanten ein, die auch die Möglichkeit hatten, Fragen zu stellen. Unter den Gästen waren Vertreterinnen und Vertreter ihrer Alma Mater, des Móricz Zsigmond Reformierten Kollegiums und Gymnasiums in Kisújszállás, sowie der Stadt Kisújszállás. Auch eine Delegation der Universität Szeged war anwesend. Grußworte sprachen Univ.-Prof. Dr. Attila Kiss, Leiter des Instituts für Kardiovaskuläre Medizin der Medizinischen Universität Wien, sowie Gábor Tamás Szabó, Arzt und Co-Direktor des Unternehmens BioNTech.

Gastgeber des Events war Márton Méhes, Direktor des Collegium Hungaricum, der betonte, dass sich die Institution stets der Förderung von Talenten gewidmet habe. Umso mehr freue es ihn, so viele junge Menschen willkommen zu heißen. Persönlich verband ihn eine Familiengeschichte mit dem Haus: sein Großvater sei in den 1920er-Jahren als Pharmaziestudent selbst einer der Geförderten des Collegium Hungaricum gewesen. „Das Leben und die Karriere von Katalin Karikó lehren uns viel über Wissenschaft, Ausdauer, Begeisterung, Wissen, Leidenschaft – aber auch darüber, wie man Schwierigkeiten überwindet. Und das ist eine außerordentlich wichtige Botschaft“, sagte Méhes, bevor er das Wort an die Vortragende übergab.
Katalin Karikó wurde 1955 in Szolnok geboren und verbrachte ihre Kindheit in Kisújszállás. Sie blickt auf eine glückliche Kindheit zurück, in der sich ihr Interesse für die Naturwissenschaften sehr früh zeigte. Sie wanderte viel, interessierte sich leidenschaftlich für Pflanzen und Tiere und wollte deren Namen auf Latein lernen. Sie nahm sich vor, ein Buch zu schreiben, fertigte zahlreiche Zeichnungen und Beschreibungen an. Ihr Wissensdrang war unstillbar – sie las in der Bibliothek alles, was ihr in die Hände fiel.
„Dafür bekam ich keine Preise – aber am Ende fühlte ich mich trotzdem als Gewinnerin. Wisst ihr, was für mich wichtig war? Dass ich mir ein Ziel gesetzt habe, dafür arbeitete, es erreichte und unterwegs so vieles lernte“, sagte sie zu den Jugendlichen. Große ungarische Wissenschaftler dienten ihr stets als Inspiration. Schon als Schülerin schrieb sie mit Freunden Briefe an Albert Szent-Györgyi und János Selye. Vielleicht deshalb empfand sie es auch als wichtig, in Wien gezielt die Jugend anzusprechen. Die zentrale Lehre, die sie während ihres Vortrags mehrfach hervorhob:
„Das Ziel ist oft weiter entfernt, als du dir vorstellst, und es tauchen immer mehr Hindernisse auf. Wenn du dich jedoch auf diese Probleme konzentrierst, verlierst du den Blick für den Weg nach vorne.
„Was ich aus diesen schwierigen Situationen gelernt habe: Anstatt sich auf die Schwierigkeiten zu konzentrieren, sollten wir uns auf das Ziel ausrichten. Glaubt an euch selbst – daran, dass ihr es erreichen könnt! Wenn wir unsere Komfortzone verlassen, erfahren wir nicht nur mehr über die Welt, sondern auch über uns selbst – und darüber, wozu wir fähig sind.“



Für Karikó gehört zur mentalen Gesundheit vor allem, Stress bewältigen zu lernen. Mehrmals erwähnte sie die stoische Philosophie, die sich auf jene Faktoren konzentriert, die wir selbst beeinflussen können. „Wir vergleichen uns gern mit anderen Schülerinnen und Schülern. Doch viele Umstände lassen sich nicht ändern. Auch János Selye sagt: Wenn wir uns darauf konzentrieren, raubt uns das die Energie für das, was wir tatsächlich beeinflussen können. Genau daraus entsteht der meiste Stress. Darum solltet ihr euch immer fragen: Was kann ich selbst tun?“
„Schon als Jugendliche wollte sie Forscherin werden und nahm daher ein Studium an der Universität Szeged auf, wo damals gerade ein biologisches Forschungszentrum eröffnet wurde. Während ihrer Promotion forschte sie am Biologischen Zentrum Szeged und erwarb den Doktortitel in Biochemie. Ihre erste Anstellung hatte sie dort als Postdoc-Stipendiatin der Ungarischen Akademie der Wissenschaften. In ihrem Vortrag hob sie weniger die Erfolge hervor, sondern vor allem die Rückschläge – und wie sie mit ihnen umging. Mehrfach verlor sie ihre Stelle. Schließlich übersiedelte sie mit ihrer Familie in die USA, weil sie in Ungarn keine neue Position fand.“
„Ich bewarb mich damals in Ungarn um mehrere Stellen, erhielt jedoch zum Teil nicht einmal eine Antwort. So fiel die Entscheidung, mit meiner Familie in die USA zu gehen.
Lasst nicht zu, dass andere euch sagen, wer ihr seid! Glaubt an euch selbst – und wenn ihr scheitert, verschwendet keine Zeit und Energie damit, euch selbst zu bemitleiden oder euch über Ungerechtigkeiten zu ärgern!
Konzentriert euch lieber auf den nächsten Schritt! Seid auch nicht nachtragend! Seid stattdessen dankbar gegenüber jenen, die euch Hindernisse in den Weg legen – sie helfen euch damit, besser zu werden! Das alles ist schwer, aber wenn ihr schon jetzt beginnt, so zu denken, könnt ihr als Erwachsene ein glücklicheres Leben führen.“
Bis heute geht Katalin Karikó regelmäßig laufen. Neben dem mentalen Wohlbefinden sei auch die körperliche Gesundheit zentral. Darüber hinaus hob sie die Unterstützung ihrer Lehrerinnen und Lehrer sowie ihrer Eltern hervor: „Wir sind privilegiert, dass wir hier sein und uns mit Wissenschaft beschäftigen dürfen. Deshalb sollten wir, wann immer es möglich ist, unseren Eltern und Lehrkräften dafür danken.“
Text: Noémi Farkas
Übersetzung: Pathy



















