Im Rahmen des Gottesdienstes am fünften Sonntag nach Ostern setzte Pfarrer Szilárd Wagner in Graz das neue Presbyterium der Ungarischen Evangelischen Gemeinde in Österreich ein. Unter den sechs Mitgliedern wurde nur der Kantor Tamás Szőcs neu in dieses Amt gewählt; Hanna Andorka, Csilla Páll, Miklós Szentpétery, Viktor Kiss und Zita Szeitl-Eibinger setzen ihre bisherige Arbeit im Gremium fort. Vor dem Gottesdienst erhielten wir auch einen Einblick in das Leben der ungarischen evangelischen Gemeinde in Graz.
Der Wings for Life World Run kam den Plänen der Ungarischen Evangelischen Gemeinde in Österreich nicht gerade entgegen. Die Wiener Mitglieder der Gemeinde, die in Wien und Graz beheimatet ist, wollten nämlich gerade nach Graz aufbrechen, um an der Amtseinführung der neu gewählten sowie der in ihrem Amt bestätigten bisherigen Presbyterinnen und Presbyter und am damit verbundenen Gottesdienst teilzunehmen. Doch wegen des Laufs war Wien in Ost-West-Richtung gesperrt, sodass die Delegation aus der Hauptstadt mit knapp einstündiger Verspätung im Gemeindesaal der Grazer Heilandskirche eintraf.
Die Grazer evangelische Lektorin Zita Szeitl-Eibinger, der wiedergewählte Presbyter Viktor Kiss, der neu gewählte Kantor Tamás Szőcs und die übrigen Gemeindemitglieder nahmen die unerwartete freie Stunde gelassen hin. Sie zogen die für die Zeit nach dem Gottesdienst geplante Agape ein wenig vor, zauberten im Gemeindesaal einen reich gedeckten Tisch und gratulierten Judit Urbánné Molnár mit einer von Zita Szeitl-Eibinger selbst gebackenen Mohn-Marillen-Torte zu ihrem 50. Geburtstag. „Obwohl ich an diesem Wochenende jeden Tag mit meiner Tochter bei einer Veranstaltung mit ungarischem Bezug war – am Freitag bei der besonderen Literaturstunde des Kinderbuchautors Zoltán M. Kácsor, am Samstag beim Grazer Ungarnball und am Sonntag hier in der Kirche –, hat für mich natürlich die Gemeinde Vorrang. Und Judits Torte wollte ich unbedingt selbst backen“, betonte Zita Szeitl-Eibinger.


Auf Zitas Vorschlag kamen die Anwesenden nach dem Verzehr der Torte zu einer Erzählrunde zusammen. Die Lektorin bat die Teilnehmenden, eine Geschichte aus dem vergangenen Monat zu erzählen, die sie aus irgendeinem Grund besonders berührt hatte und in der sie Gottes Gegenwart gespürt hatten. Zita begann mit ihrem Bericht – eben mit dem bereits erwähnten Ungarnball: „Als gestern nacheinander die ungarische Hymne und die Szeklerhymne erklangen, war es für mich sehr bewegend, die Zusammengehörigkeit der mehreren Hundert anwesenden Ungarinnen und Ungarn zu erleben. Man konnte spüren, wie gemeinsames Singen und gemeinsame Kultur die geografischen Grenzen zwischen uns verwischen“, sagte sie. Viktor Kiss erlebte am Vortag in Budapest bei der Angelobung der neuen ungarischen Regierung ein ähnliches Gefühl der Zusammengehörigkeit, als er Ibolya Oláhs Lied „Magyarország“ hörte. Schließlich meldete sich Tamás Szőcs zu Wort. Er war vor Kurzem in der Umgebung von Hermannstadt in einem 800 Jahre alten, heute beinahe verlassen wirkenden sächsischen Dorf gewesen. Als er die baufällige Kirche des Dorfes betrat, bewunderte er die inzwischen stark beschädigte Orgel aus dem 19. Jahrhundert und begann dann zu singen. Außer ihm befand sich zu diesem Zeitpunkt nur ein älteres sächsisches Ehepaar in der Kirche; als der Mann den Gesang hörte, brach er vor Rührung in Tränen aus. „Auch daran sieht man, dass Gott überall gegenwärtig ist, selbst in einer abgelegenen, verfallenen Kirche. Dafür braucht es keine prunkvollen Dome“, erklärte er.
Nach der Ankunft der Wiener Gemeindemitglieder begaben sich Pfarrer Szilárd Wagner und Zita Szeitl-Eibinger bald in die Sakristei, um sich auf den Gottesdienst vorzubereiten, den sie wie gewohnt gemeinsam gestalteten. Am fünften Sonntag nach Ostern stand der Gottesdienst unter dem Leitwort „Rogate“, also „Betet!“. In seiner Predigt führte Szilárd Wagner aus, dass der Widerspruch zwischen den beiden Themen dieses Tages – dem für das Gebet notwendigen Rückzug und der inneren Einkehr einerseits und dem mit dem Presbyteramt verbundenen öffentlichen Dienst andererseits – in Wahrheit nur scheinbar bestehe. Seiner Ansicht nach werden nämlich gerade jene für den Dienst an der Gemeinschaft ausgewählt, die dazu innerlich, aus der Tiefe ihres Herzens, bereit sind. Vor ein, zwei Jahren entstand in der Wiener Gemeinde der Wunsch, einen gemeinsamen Gebetskreis zu gründen, in dem die Gläubigen nicht still und allein, sondern laut und gemeinsam beten. Diese Erfahrung ist seither so prägend geworden, dass auch Gebetsanliegen entgegengenommen werden – das heißt, die Mitglieder beten gemeinsam auch für die Anliegen anderer. „Oft erkennen wir Gottes Erhörung nicht daran, dass er unsere Bitte erfüllt, sondern gerade daran, dass nicht genau das geschieht, was wir ursprünglich für wünschenswert hielten. Meist verstehen wir erst im Nachhinein, dass das, was schließlich geschehen ist, in Wahrheit sogar viel besser war als das, was wir uns vorgestellt hatten“, fügte Szilárd Wagner hinzu.

Am Ende des Gottesdienstes setzte der Pfarrer das neue Presbyterium ein: Er bestätigte die Malerin Hanna Andorka, die Kunsthistorikerin Csilla Páll, den Deutschlehrer Miklós Szentpétery, die Musiklehrerin Zita Szeitl-Eibinger und den Busfahrer Viktor Kiss in ihren Ämtern und führte das neue Mitglied, den Kirchenmusiker Tamás Szőcs, in sein Amt ein. Und womit beschäftigt sich das Presbyterium? Die Presbyterinnen und Presbyter sind die weltlichen Vertreterinnen und Vertreter der Kirche und unterstützen den Pfarrer und die Lektorin. Hanna Andorka übernahm das Amt der Kuratorin der Gemeinde von ihrem ehemaligen Ehemann Rudolf Andorka. Zu ihren Aufgaben gehören die Koordination des Gemeindelebens sowie die Einreichung von Förderanträgen beim Bundeskanzleramt. „Mich motiviert ganz klar das Verantwortungsgefühl gegenüber der Gemeinschaft. Ich sehe, dass heute nur noch sehr wenige Menschen ehrenamtliche Arbeit übernehmen. Für mich ist es aber wichtig, dass diese Gemeinschaft erhalten bleibt und weiter aufgebaut wird“, sagt sie. Miklós Szentpétery ist Redakteur der Gemeindezeitung „Másokért együtt“ und organisiert darüber hinaus Ausflüge und Programme. Csilla Páll schreibt als Kunsthistorikerin ebenfalls regelmäßig für die Zeitung und ist als Kassierin für wirtschaftliche und buchhalterische Aufgaben zuständig: „Vor allem in der Wiener Gemeinde ist zu beobachten, dass eher die ältere Generation am Gemeindeleben teilnimmt. Deshalb halte ich es für sehr wichtig, auch junge Menschen anzusprechen“, betont sie. Viktor Kiss zog 2008 nach Graz und fand in der evangelischen Gemeinde eine unterstützende Gemeinschaft. Als Presbyter gehören das Vorbereiten des Altars, das Auslegen der Gesangbücher, die Kontaktpflege mit den Gemeindemitgliedern sowie die Organisation der Agape bei ökumenischen Gottesdiensten zu seinen Aufgaben. Tamás Szőcs ist offiziell bei der Evangelischen Pfarrgemeinde Graz angestellt und könnte daher dort kein Presbyteramt übernehmen. In der Ungarischen Evangelischen Gemeinde besteht jedoch keine Unvereinbarkeit, weshalb er die Einladung gerne annahm. Als neues Mitglied ist er gespannt, welche Aufgaben in den kommenden Jahren auf ihn zukommen werden.
Fotos, Text: Anna Gazdik
Übersetzung: Pathy






