Die Wiener Ungarn gedachten am 11. März des Jahrestages der Revolution und des Freiheitskampfes von 1848/49. Auch heuer war das Collegium Hungaricum Veranstaltungsort der gemeinsamen Feier des Zentralverbandes Ungarischer Vereine und Organisationen in Österreich sowie des Runden Tisches Ungarischer Organisationen in Österreich.
„Wir erinnern uns, also sind wir“ – sagte Márton Méhes, Direktor des Collegium Hungaricum, in seiner Begrüßung. Seiner Ansicht nach denken wir als Ungarn auch dann an den 15. März, wenn wir gerade in Feuerland oder auf der Insel Java leben – unabhängig von Geschlecht, Alter, Religion oder politischer Zugehörigkeit. Denn Feste und Jahrestage sind feste Bezugspunkte im Leben unserer Gemeinschaft. Sie gehören zu unserer eigenen Geschichte und gliedern unser Leben. Auch dann dachten wir an die Märzjugend oder an die Revolution von 1956, als man dies nicht laut aussprechen durfte oder nicht aussprechen sollte. Diese Ereignisse haben sich im Laufe der Jahrhunderte in unsere Gedanken eingebrannt – und ebenso in die ungarische Sprache. Denn die Kokarde und auch den Ausdruck „die Iden des März” verwenden wir nur im Zusammenhang mit dem 15. März. „Wir erinnern uns gemeinsam, also sind wir eine Gemeinschaft geblieben. Das war weder nach dem Mongolensturm noch nach der Schlacht von Mohács selbstverständlich. Mehr noch: Es gab nur geringe Chancen dafür, und dennoch ist es so gekommen; aber auch nach 1848 hätte das Fortbestehen der ungarischen Gemeinschaft ganz anders verlaufen können.“ Die aktiven Gestalter und Träger des Fortbestands der Gemeinschaft seien die ungarischen Organisationen und Vereine in Österreich, für deren Arbeit Márton Méhes auch auf diesem Wege dankte. Dann fügte er hinzu: „Viele verschiedene Meinungen und Weltbilder haben auch in diesem einen Saal Platz. Aber an den 15. März erinnern wir uns alle als an einen gemeinsamen Bezugspunkt, als an unsere gemeinsame Geschichte“.

Edit Bátorfi Szilágyiné, Botschafterin Ungarns in Österreich, warf die Frage auf, was die Botschaft von 1848 heute für die in Wien lebenden Ungarn im Jahr 2026 bedeutet:
„Freiheit, Unabhängigkeit, Frieden? Bei solchen Festprogrammen pflegen wir über diese erhabenen Begriffe in Gedichten, Liedern und in Prosa nachzudenken. Das Fest ist immer ernst. Es ist kein fröhliches Straßenfest und kein rasch verpuffender politischer Lichtblitz, wie wir das oft bei den Feiern anderer Nationen sehen. Warum ist das so, warum nehmen wir uns selbst so todernst, warum genießen wir das Leben nicht unbeschwert? Warum kamen wir schon vor dem Systemwechsel an diesem Tag zusammen, obwohl er noch kein arbeitsfreier Feiertag war? Warum war dies vor allem das Fest der Studierenden und der Jugend? Warum empfinden wir, wenn die Kokarde angesteckt wird, jenes besondere, würdevolle Gefühl des Stolzes? Warum tragen wir nach so vielen Schicksalsschlägen und Leiden noch immer diesen entschlossenen Willen zum Aufrechtbleiben in uns – ganz gleich, ob wir auf dem Gebiet unserer Heimat oder irgendwo außerhalb davon in dieser weiten Welt leben?“

Die Botschafterin sprach auch darüber, wie sehr sich die Welt seit dem Gedenken vom 15. März des Vorjahres verändert habe und welche Unsicherheit dies in den Menschen auslöse:
„Eine früher als stabil angesehene Welt stürzt über uns zusammen, und ihre neue Form erfüllt uns mit Sorge. Wir sehnen uns nach dem Vertrauten, nach Ruhe. Könnte es sein, dass diese schrecklichen Entwicklungen gerade die Geburtswehen einer neuen Welt sind? Könnte es sein, dass sich um uns eine neue Welt bildet, die die alte zu übertreffen vermag, und wenn das so ist, wo wird dann unser Land, unsere ungarische Welt, darin ihren Platz finden, und wo stehen wir darin? Was ist unsere Aufgabe, was unsere Verantwortung?“ Nach Ansicht von Edit Bátorfi Szilágyiné müssen wir die Fähigkeit und die Möglichkeit zum Dialog und zum offenen Meinungsaustausch bewahren. Das gemeinsame Feiern prägt auch das Verhältnis der Mitglieder einer Gemeinschaft zueinander. Deshalb dankte sie all jenen, die das Ungarischwissen der in Österreich lebenden Kinder pflegen: sowohl den Eltern als auch den Pädagogen, denn sie bauen unsere gemeinsame ungarische Zukunft.

Andrea Seidler, Präsidentin des Zentralverbandes Ungarischer Vereine und Organisationen in Österreich, sagte, die Erinnerung an die Revolution von 1848 sei für uns nicht bloß historisches Gedenken. Sie erinnere uns auch daran, dass wir Verantwortung für die Bewahrung jener Werte tragen, für die unsere Vorfahren damals mit so großer Tapferkeit eingestanden seien. Vieles davon erscheine uns heute selbstverständlich. Doch unter diesen Errungenschaften gebe es auch eine, deren Bedeutung heute besonders aktuell sei: die Presse- und Meinungsfreiheit. „Es ist kein Zufall, dass gerade diese Forderung an der Spitze der zwölf Punkte stand. Die Revolutionäre von 1848 wussten genau, dass politische Freiheit ohne freies Wort nicht existiert. Eine Gesellschaft kann nur dann wirklich frei sein, wenn Menschen ihre Gedanken aussprechen dürfen, wenn unterschiedliche Meinungen öffentlich erscheinen können und wenn auch Kritik an der Macht geübt werden kann. Meinungsfreiheit bedeutet also nicht nur, dass wir sprechen dürfen. Sie bedeutet auch, dass offene Debatte möglich ist, dass das öffentliche Leben transparent bleibt und dass die Bürger an der Gestaltung unserer gemeinsamen Angelegenheiten teilhaben können. Im 19. Jahrhundert wurde die freie Presse gerade deshalb zu einem der wichtigsten Instrumente der demokratischen Entwicklung in Europa. Zeitungen, Flugblätter und öffentliche Debatten machten es möglich, dass immer mehr Menschen sich über Politik informierten und am öffentlichen Leben teilnahmen. Gerade deshalb ist die Meinungsfreiheit auch heute eine der wichtigsten und zugleich empfindlichsten Grundlagen demokratischer Gesellschaften. Diese Freiheit ist nicht selbstverständlich, und sie bleibt auch nicht von selbst erhalten. Wir müssen sie immer wieder verteidigen – mit Aufmerksamkeit, Verantwortung und mit der Bereitschaft, auch die Meinung anderer anzuhören.“

Auch Szilvia Mentsik, die Vorsitzende des Runden Tisches Ungarischer Organisationen in Österreich, sprach über die aktuelle Botschaft der Ereignisse von 1848, besonders im Hinblick auf die in Österreich lebenden Ungarn. Für sie ist es eine wichtige Frage, wie wir unsere Freiheit nutzen und was wir aus der Möglichkeit machen, im Herzen Europas, in grenzüberschreitenden Gemeinschaften ungarisch sein zu dürfen. Was machen wir mit jenem Erbe, das uns die Achtundvierziger anvertraut haben? „Unsere Aufgabe heute ist nicht, die Kämpfe der Vergangenheit noch einmal zu leben. Unsere Aufgabe ist es, ihre wichtigste Botschaft weiterzutragen. Und das ist meiner Meinung nach: Ohne Gemeinschaft gibt es keine Freiheit, und ohne Freiheit gibt es keine Zukunft. Freiheit zeigt sich auch darin, dass wir unsere Sprache bewahren, dass wir unseren Kindern unsere Kultur weitergeben. Darin, dass wir Gemeinschaften aufbauen, auch dort, wo der Alltag die Menschen sehr leicht voneinander wegtreibt und sie sogar gegeneinander aufzubringen droht.“ Szilvia Mentsik betonte: Die Stärke der in Österreich lebenden ungarischen Gemeinschaft liege in der Zusammenarbeit, im gegenseitigen Respekt und in dem Glauben, dass das, was wir gemeinsam aufbauen, über uns hinausweisen werde. Unsere Geschichte sei kein abgeschlossenes Kapitel, sondern eine Fortsetzung, die von uns abhänge. In den vor uns liegenden Jahren werde es unsere Aufgabe sein, diese Gemeinschaft noch stärker zu machen, damit unser Ungarntum auch für die jungen Generationen Inspiration bedeute. „Wir bauen eine Gemeinschaft auf, die offen, stark und zuversichtlich ist. Eine, die weiß, woher sie kommt und wohin sie geht – so wird 1848 nicht zur Vergangenheit, sondern zum Erbe.“
Das Programm schloss mit dem Auftritt der Volkstanzgruppe Napraforgók und des Wiener Ungarischen Theaters Svung. In ihrem Programm riefen sie nicht nur den Tag der Revolution in Erinnerung, sondern auch jene siebzig Jahre, in denen sich die neuen Ideen herausbildeten und deren Sieg wir mit dem 15. März 1848 verbinden.
Fotos, Videos, Text: Noémi Farkas
Übersetzung: Pathy





















