Das Wiener Ungarische Theater Svung hat die heurige Saison mit den Gruppen des „Nachwuchses“ beendet. Der Kleine Svung brachte heuer schon seine zweite Produktion auf die Bühne, und erstmals trat auch der Gymi Svung auf, der dieses Jahr zum ersten Mal im Pygmalion Theater zu sehen war.
Unter der Leitung von Balázs Pohl startete im Herbst die Jugendgruppe Gymi Svung. Ein echtes Lückenfüllen, weil es für die Altersstufe der Oberstufe kaum gemeinschaftliche Angebote auf Ungarisch gibt. Die Gruppe war in wenigen Tagen voll, und Ende September konnte die gemeinsame Arbeit – oder besser gesagt das gemeinsame Spiel – losgehen. Über Impro- und Situationstrainings tasteten sich die Jugendlichen an Bühnenpräsenz heran, übten den Umgang miteinander, die Regeln der Dramaturgie, beschäftigten sich aber auch mit Textanalyse und Szenenentwicklung. So entstand schließlich eine Aufführung, deren Handlung und Wendungen sie selber entwickelt haben, auch die Dialoge stammten aus ihrer Feder. Balázs Pohl hat das Ganze zu einem kurzen Stück zusammengefasst, das in nur wenigen Wochen einstudiert wurde und den Titel Wahrheit oder Pflicht bekam.

„Weil nur Mädels in der Gruppe sind, war’s naheliegend, die Handlung in einem Internat anzusiedeln. Zuerst haben sie die Figuren entworfen, dann damit improvisiert. In einer dieser Impros spielten zwei beste Freundinnen das Spiel: Wahrheit oder Pflicht. Ich gab ihnen als Hausübung, sich eine Geschichte auszudenken, die mit dem Satz anfängt: „Es begann alles mit einem harmlosen Wahrheit-oder-Pflicht-Spiel, aber dann plötzlich…“ Da kamen viele gute Ideen, von denen ich zwei, drei auswählte, die sich fürs Theater und die Dramaturgie am besten eigneten. Damit arbeiteten wir weiter, bis schließlich die Hauptgeschichte und die Beziehungen zwischen den Figuren entstanden“, erzählte Balázs Pohl über den Entstehungsprozess.
Das halbstündige Stück spielt in einem Klassenzimmer, in den Pausen. Zwei beste Freundinnen spielen ‚Wahrheit oder Pflicht‘, was dazu führt, dass sie für einen Tag die Rollen tauschen. Eine von ihnen bekommt einen Brief vom längst totgeglaubten Vater. Durch den Rollentausch liest ihn aber die andere – und antwortet sogar darauf. Ein Teil der Klasse findet das unfair, und am Ende teilt sich die Gruppe in zwei Lager. Schließlich kommt heraus, dass keine der beiden etwas dafür kann, sondern eine dritte Mitschülerin aus Eifersucht die Fäden gezogen hat – früher war nämlich sie die beste Freundin.




Es war eine gescheite Entscheidung von Balázs Pohl, mit den Figuren zu starten, weil so jede Rolle ihre Funktion fand. Auf der Bühne sah man viele verschiedene Persönlichkeiten – wie in einer echten Klasse – und trotzdem wirkten die Figuren nicht klischeehaft oder künstlich. Die Beziehungen entwickelten sich stimmig, und weil die Jugendlichen das Stück selber schrieben, war klar spürbar, was sie am meisten beschäftigt: die Rollen im sozialen Gefüge, Veränderungen in der Gruppendynamik in einer Krisensituation, Freundschaft, Verrat sowie der Umgang mit Konflikten und deren Lösung.
Dass sie in nur einem Schuljahr so eine qualitativ starke Produktion auf die Beine gestellt haben, schreit nach einer Fortsetzung. Der Gymi Svung wird voraussichtlich ab Herbst wieder in der Wiener Ungarischen Schule proben – da zahlt es sich aus, die Ausschreibung im Auge zu behalten.




Über den Kleinen Svung, der die jüngere Altersgruppe anspricht, haben wir schon öfter berichtet. Insgesamt war es bereits die sechste, heuer die zweite Aufführung. Nach Salz und Frau Holle griffen sie diesmal wieder zu einem Grimm-Klassiker – Schneewittchen wurde „kleinsvungisiert“. Die Zwerge arbeiten nicht in einer Mine, sondern in einer Spielzeugfabrik (sie hatten sogar Schleifpapier, mit dem sie die Holzspielsachen bearbeiteten), und anstelle des Prinzen bricht Schneewittchens Schwester den Zauber. Auch der Spiegel (Emília Kiss) bekam eine größere Rolle, mit einer feinen eigenen Persönlichkeit, die sogar vorsichtig eine Meinung äußern konnte – fast so, als würde die Stiefmutter mit ChatGPT plaudern. Schon bei der vorherigen Aufführung gab es als Neuerung ein Lied, diesmal kam ein weiterer Kniff dazu: Die Zwerge stellten sich dem Publikum in einem Rap vor (Text wieder von Balázs Pohl, Hip-Hop-Beat von Bálint Banyó).
Die beiden Leiterinnen der Gruppe, Kinga Csengele Bajka und Zsófi Pongrácz, stellen nicht nur die Kinder, sondern auch sich selber vor immer größere Herausforderungen. Den winzigen Bühnenraum mussten sie in fünf Bereiche aufteilen, um die Schauplätze klar zu trennen. Besonders originell war der aus Jeans gefertigte Riesen-Vorhang im vorderen Bühnenbereich, der die Spielzeugfabrik symbolisierte, die Kindergartenstühle und das komplett eingerichtete Holzpuppenhaus als Zwergenheim – optisch ein schöner Hinweis auf die Größenunterschiede. Im hinteren Bereich erhob sich als Kontrast der große, prächtige Thron – das Reich der Stiefmutter. Auch die Farben waren bewusst gewählt: Bei den Zwergen war alles bunt, bei der Stiefmutter dominierten Schwarz und Silber.




Die Zwerge haben ihre Rollen großartig umgesetzt: den mit Wortspielen nervenden Vidor (Emília Ertl), den immer hungrigen Kuka (Zaya Nia Bogyor), den verträumten Szende (Margaréta Méhes), den langsamen Szundi (Sophia Minteh), den mit erhobenem Finger erklärenden Tudor (Lucia Kiss), den hypochondrischen Hapci (Frida Méhes) und den grundlos schreienden, stets grantigen Morgó (Jamal Minteh).
Schneewittchen wurde unterstützt von ihrer sanften, aber mutigen Schwester Gyöngyike (Anna Sophie Perdelwitz-Szudoczky) und dem Jäger (Simon Tóth, der sein Debüt im Kleinen Svung gab), der der Stiefmutter frech Kontra bot. Die Schneewittchen-Darstellerin Izabella Tóth überzeugte mit beeindruckender Natürlichkeit und Charme – fast wie mit professioneller Routine. Als Stiefmutter verkörperte Sophie Padelkar die böse Figur mit voller Überzeugung und verwandelte sich vor unser aller Augen in Sekundenschnelle, sowohl in der Haltung als auch in der Stimme, in eine alte Frau.


Wenn man beide Altersgruppen betrachtet, wird klar: Der ‚große‘ Svung zieht sich seinen Nachwuchs selbst heran. Ab Herbst kann man sowohl bei den Kleinen als auch bei den Großen einsteigen.
Kiemelt kép: Bánhalmi Norbert
Text: Zsófi Rick
Übersetzung: Pathy















