Nach fast sechs Jahrzehnten in Oberpullendorf verlässt Prof. Viola Karal das Burgenland: Aus familiären Gründen zieht die vielseitige Pianistin und bildende Künstlerin, die slowakische, österreichische und ungarische Wurzeln hat, sich aber ganz klar als Ungarin sieht, nach Kärnten. Seit Wochen sortiert und packt sie: Ihr künstlerisches Schaffen in Oberpullendorf seit 1968 – zahlreiche Zeichnungen, viele Notenblätter, Liederbücher, lokalhistorische Publikationen und Liszt-Broschüren – wandert nun in Kartons. Wir haben sie in ihrem Zuhause zum Gespräch getroffen.
Viola Karal wurde 1938 in Pressburg (Bratislava) geboren. Ihre Mutter war Österreicherin, sprach aber auch Kroatisch. Ihr Vater war ein stolzer Ungar, sprach mit Viola ausschließlich Ungarisch – obwohl sie nie eine ungarische Schule besuchte, betrachtet sie die ungarische Sprache dennoch als ihre Muttersprache. Bereits im Alter von vier bis fünf Jahren zeigte sich ihr musikalisches Talent. Sie besuchte die deutschsprachige Musikschule im Pressburger Stadtteil Ligetfalu (Petržalka) und erhielt dort eine umfassende künstlerische Ausbildung: Sie lernte Gesang, Zeichnen, Bildhauerei, Ballett, Geige und Klavier. Am Staatlichen Konservatorium in Bratislava verliebte sie sich in die Werke von Franz Liszt. Nach dem Abschluss an der Musikakademie in Prag traf sie auf einen burgenländischen Musikinspektor, der an der Gründung eines Konservatoriums in der Region arbeitete. Durch ihn kam sie 1968 nach Österreich. Doch bevor das gemeinsame Projekt starten konnte, verstarb der Musikinspektor plötzlich. Es stand im Raum, ob sie trotzdem bleiben sollte. „Arbeiten, Klavier spielen, unterrichten – das alles kann man überall. Deshalb bin ich gekommen.“ Seitdem lebt sie in Oberpullendorf.



Seit mittlerweile 57 Jahren widmet sich Viola Karal mit großer Leidenschaft der Bewahrung von Werten: Mit ihren Bildern und Liedern bewahrt sie das kulturelle und volkskünstlerische Erbe der burgenländischen Ungarn – insbesondere jener aus Oberpullendorf – für die kommenden Generationen. Ihre Werke sind liebevolle Erinnerungen und zugleich authentische Dokumente einer vergangenen Epoche. Im Burgenland entdeckte sie ein neues Thema für sich: das bäuerliche Leben – eine Erfahrung, die sie aus Pressburg nicht kannte. Sie beobachtete die Menschen, ihr Tun, ihren Alltag. Sie nahm auf, wie sie sangen, wie sie ihre Geschichten erzählten. Sie sprach mit jungen Bäuerinnen, zeichnete sie, während sie Kühe molken. Die kleine Kapelle, das alte Gutshaus mit seinen bröckelnden Mauern und alten Bäumen, das strohgedeckte Lehmhaus, der Apotheker, die ungarische Lehrerin, das Kind, der Nachbar – fast alles wurde für Viola zur Inspirationsquelle.












Am 18. Oktober 1969, anlässlich des Geburtstags von Franz Liszt, trat Viola Karal erstmals als Klavierlehrerin der Musikschule Oberpullendorf öffentlich auf: Gemeinsam mit einer Sopranistin – einer Kollegin – gab sie im Rahmen der Feierlichkeiten ein Konzert. Im Laufe ihrer jahrzehntelangen Laufbahn unterrichtete sie zahlreiche Schülerinnen und Schüler in klassischer Musik und Klavierspiel, begleitete Chöre, trat bei Konzerten auf und komponierte eine beachtliche Anzahl an Werken. Sie wirkte auch aktiv an der Erhebung Oberpullendorfs zur Stadt mit – vor genau fünfzig Jahren. Ihr Wirken ist bleibend für die ungarische Volksgruppe in der Region. Vielen Schülerinnen und Schülern brachte sie ungarische Volkslieder näher, schrieb Noten, arrangierte Musikstücke und organisierte über lange Jahre hinweg die musikalischen Programme des Oberpullendorfer Gymnasiums. Für Kinder komponierte sie Lieder auf der Grundlage der Harmonik von Mozart und Beethoven – da sie der Meinung war, dass Zoltán Kodály in dieser Region weniger bekannt und verbreitet war. In Zusammenarbeit mit der Dichterin und Textautorin Erzsébet Lévay entstanden zahlreiche Liederbücher. Auch mehrsprachige Veröffentlichungen in den burgenländischen Sprachen Ungarisch, Deutsch und Kroatisch gehen auf sie zurück und leisten bis heute einen Beitrag zur pädagogischen Praxis.






Ihren Ehemann lernte sie in Oberpullendorf kennen; er verstarb vor einigen Jahren. Ihr Sohn arbeitet heute als Ingenieur. In den Anfangsjahren, als sie in der Stadt noch weitgehend unbekannt war, begleitete ihr Mann sie von Haus zu Haus, damit sie die Einheimischen porträtieren konnte. Heute kann Oberpullendorf mit Recht stolz auf sie sein: Auf nahezu 150 Porträts sind Bewohner der Gemeinde zu sehen – viele von ihnen sind inzwischen bereits verstorben.
Vor drei Jahren erschien unter dem Titel „A régi Pulya/Das alte Pullendorf“ ein lang erwartetes ungarischsprachiges Buch, das in eindrucksvollen Zeichnungen vom Leben der ungarischen Gemeinschaft in Oberpullendorf über fast hundert Jahre hinweg erzählt. Die Geschichten – die von kleinen Momenten des Alltags, von Sprache, Kultur und volkstümlicher Tradition handeln – wurden von Frigyes Karal, dem Ehemann von Viola Karal, niedergeschrieben.Die Leserinnen und Leser erhalten einen Einblick in das Leben von Oberpullendorf – dem einstigen Dorf, das inzwischen seit fünfzig Jahren Stadt ist – sowie in das der umliegenden Ortschaften.Das wertvolle zeitgeschichtliche Dokument wurde von Frigyes Karals Cousin, Mag. Dr. Alfréd Hadrboletz, Fachhochschulprofessor, ins Deutsche übersetzt. An der Zusammenstellung wirkte auch Margarete Hotz-Behofsits mit.


Sie war eine der Ideengeberinnen und Organisatorinnen der Liszt-Konzertreihe im Geburtshaus des Virtuosen in Raiding (Doborján). Gemeinsam mit der aus Oberpullendorf stammenden Sopranistin Hanna Schiebel-Paflik gab sie ein Konzert – ein unvergesslicher Moment für sie, in Liszts ehemaligem Wohnhaus Klavier zu spielen. Aus der Initiative ist inzwischen ein renommiertes, internationales Festival geworden. Zum 100. Todestag von Franz Liszt im Jahr 1986 schuf sie unter dem Titel „Franz Liszt und seine Zeit“ eine Serie von knapp hundert Grafiken. Diese Werkreihe wurde auch vom Diözesan-Caritasverband Győr entdeckt: Eine Wanderausstellung mit ausgewählten Arbeiten von Viola tourte durch Transdanubien, die mit den Spendenerlösen erzielte Summe kam Waisenkindern zugute. Als Musikerin ist sie dankbar, dass sie ihre Hochachtung vor Liszts Lebenswerk auch durch die bildende Kunst ausdrücken kann. Sie schrieb sogar ein Musical über den Virtuosen. Die Lieder begleiten das Leben des Pianisten – ein besonders herausragender Moment darin ist ein für Harfe komponierter Abschnitt, in dem Liszt die göttliche Eingebung erhält, die ihn einzigartig und weltberühmt macht.



Eugen Suchoň, einer der bedeutendsten Komponisten der slowakischen Musik des vergangenen Jahrhunderts, verstarb 1993. Vor Kurzem erhielt Viola von seiner Tochter die Anfrage, ein Porträt ihres Vaters anzufertigen – selbstverständlich zeichnete sie ihn. „Man rühmt sich damit, dass eine Slowakin uns in Österreich porträtiert hat“, erzählt sie.


„Als ich nach Österreich übersiedelte, unterrichtete ich zunächst auf Deutsch, doch später durfte ich dies auch auf Ungarisch tun. In mir lebt ein internationales Empfinden – wohin ich auch gehe, ich fühle mich überall zu Hause. Aber das Ungarische – weil auch mein Vater Ungar war – ist in mir deutlich lebendiger als alle anderen Sprachen.“
Dieser reiche Lebensabschnitt in Oberpullendorf geht nun zu Ende: Viola Karal wird Ende des Sommers nach Kärnten übersiedeln. Ihr Sohn hat eine neue Arbeitsstelle angenommen – für sie gibt es keine Entscheidungsfrage, sie folgt ihm und seiner Familie. Mit 87 Jahren erfreut sie sich bester Gesundheit, ihre geistige Frische könnte selbst viele Jüngere neidisch machen. Vielleicht beginnt damit ein neues Kapitel in Violas Leben – sie wird ihr wertvolles Schaffen wohl fortsetzen: zeichnen, malen, schreiben, komponieren, Klavier spielen, unterrichten … Man wird sicher noch von ihr hören.

„Liebe Oberpullendorferinnen und Oberpullendorfer!
Bei euch habe ich eine neue Heimat gefunden – das ungarische Wort hat mich mit euch verbunden. Für euch habe ich mit Liebe gearbeitet. Ich hinterlasse diesem kleinen Fleck Erde mein Buch A régi Pulya mit vielen Zeichnungen und Geschichten, dazu meine Liederbücher und all die Erinnerungen, die mit der Geschichte Pulyas verknüpft sind. Vielleicht bleibe ich auf diese Weise weiterhin bei euch – denn Liebe kann nicht vergehen. Diese Liebe gehört zu euch, und sie wird auch Teil meines weiteren Lebensweges sein.
Gebt das ungarische Wort und eure Identität nicht auf!
Das legt euch ans Herz
eure Viola“
Fotos: Viola Karal, Titelbild: Mónika Gombás
Text: Mónika Gombás
Übersetzung: Pathy

















