Das Svung Wiener Ungarische Theater startet in seine zehnte Spielzeit. Das Ensemble feiert das Jubiläumsjahr mit mehr Premieren als je zuvor; geplant ist außerdem eine einmalige, besondere Aufführung. Das größte Ziel ist, heuer eine eigene Spielstätte zu finden.
Die Proben für die neuen Produktionen laufen auf Hochtouren. In der ersten Hälfte der Spielzeit kommen drei neue Stücke auf die Bühne. Heuer setzt man auf kleinere Besetzungen und kompaktere Produktionen – so können mehrere Projekte parallel entstehen. Die erste Premiere findet am 1. November statt. Werke großer klassischer Dramatiker standen bislang nicht auf dem SVUNG-Spielplan. Das ändert sich nun: Bertalan Homlok bringt Tschechows Einakter „Der Heiratsantrag“ („Leánykérés“) auf die Bühne. Das Publikum kennt ihn bereits aus seinen Rollen in „A vérszipoly“, „Az ibolya“, „Kurvák“ und „Fondü“. Er erzählte von seiner ersten Regiearbeit in Wien.


„Schon während des Studiums hat mich das Inszenieren mehr als das Spielen interessiert, und früher habe ich eigene Projekte gemacht, bei denen ich sozusagen als Regisseur beteiligt war. Diese Art Herausforderung hat mir in letzter Zeit gefehlt. Tschechow finde ich faszinierend, weil er – obwohl er jung, mit 44 Jahren, gestorben ist – das Innenleben der Menschen unglaublich gut durchschaut; dazu kommt sein bitterer, sehr spezieller Humor, der mir sehr entspricht. Das Team ist hochmotiviert, ich arbeite mit Anna Hierholcz und Bálint Bihary. Und auch wenn das letzte Wort bei mir liegt, binde ich die Schauspielerinnen und Schauspieler gern in die Regie ein und freue mich über eigene Ideen – zumal ich ebenfalls auf der Bühne stehen werde; da ist es nicht leicht, das Bild immer von außen zu sehen. Wir haben die Geschichte in eine fiktive Zeitebene gelegt: Das kann die sterbende zaristische Ordnung bei Tschechow sein, die sterbende Kádár-Ära der 1980er oder unsere Gegenwart. Gespielt wird in einem reduzierten Raum, das Publikum sitzt auf drei Seiten um die Spielfläche; wir streben einen intimen, kleinrealistischen, fast filmischen Spielstil an, der die Schwächen der menschlichen Seele herausarbeitet.“


Auch ein neues Märchenspiel mit Live-Darstellerinnen und -Darstellern entsteht in dieser Saison. Die von Tamás Pille geleitete Puppensparte bietet Vorstellungen bereits für Kinder ab zwei Jahren an, während sich die Märchenspiele an Fünfjährige bis hin zu Zehn- oder Zwölfjährigen richten. Die für Ende Jänner geplante Premiere trägt den Titel „Die goldene Rose“ und wurde von Balázs Pohl nach Geschichten aus „Die Mutter des Waldes“ verfasst – einer von Károly Bari zusammengestellten Sammlung von Märchen der Roma. Mit dieser Produktion debütiert Kinga Csengele Bajka als Regisseurin – den Wunsch, aus diesem Märchenbuch ein musikalisches Kindertheaterstück zu machen, hegt sie seit Jahren.
Ebenfalls eine Premiere im Jänner ist „Itteni színjáték“ („Das hiesige Schauspiel”): In Anlehnung an die Struktur von Dantes „Göttlicher Komödie“ führt das Stück das Publikum durch die vielschichtige Welt der ungarischen Community in Wien. Die Besonderheit: Das Ensemble probt kein fertiges Stück, sondern erarbeitet den endgültigen Text über Improvisationen und Theaterübungen. Balázs Pohl arbeitet seit rund einem Jahr an dem Projekt:
„Ich dachte, in unserer zehnten Spielzeit sollten wir auch darüber sprechen, wie es ist, hier als Ungarin oder Ungar zu leben. Ich begann, Geschichten zu sammeln – ich habe ohnehin immer ein Heft bei mir und notiere jeden interessanten Satz, vielleicht kann ich ihn irgendwann verwenden –, habe Postings und Kommentare in sozialen Medien gelesen und kam zu dem Schluss, dass jemand, der schon länger hier lebt, drei Stationen durchläuft, die sich der Struktur der ,Göttlichen Komödie‘ zuordnen lassen. Daher auch der Titel.
Mit diesen Storys haben wir begonnen zu arbeiten, zu improvisieren, Szenen an einzelne Sätze zu knüpfen – so entsteht nach und nach die endgültige Handlung und die Bühnenfassung. Neben den ,Alten‘ spielen alle mit, die heuer neu zum Ensemble stoßen; das ist einerseits eine schöne Gelegenheit, sich dem Publikum vorzustellen, andererseits haben wir vier bis fünf Monate Zeit, einander kennenzulernen. Ich arbeite besonders gern mit Menschen, über die ich fast nichts weiß – das kommt sicher aus meiner Tätigkeit als Theaterpädagoge. Mich interessiert, ob ich aus ihnen das herauskitzeln kann, was ich beim ersten Treffen gesehen oder gespürt habe. Bisher kam es nur äußerst selten vor, dass ich mich geirrt habe.“


Der weitere Verlauf der Spielsaison befindet sich noch in Planung. Vorgesehen sind die Uraufführung eines Stücks der beiden SVUNG-Mitglieder Rebeka Honti und Péter Kiss sowie die Bühnenfassung von György Spirós Komödie Prah. Im Frühjahr ist jedenfalls ein Festabend vorgesehen, bei dem das Publikum die letzten zehn Jahre der Truppe Revue passieren lassen kann.
Natürlich geht „ImpróSvung“ unter der Leitung von Zsófi Szabó-Héger weiter. Dieser Bereich wird ausgebaut: Es kommt musikalische Impro hinzu, es gibt Workshops mit anderen Impro-Ensembles; Ziel ist eine abendfüllende Show, die über kurze Szenen hinausgeht. Wieder startet die Reihe „Svung-Gast“: Jeden Monat gastiert eine Produktion aus Ungarn in Wien. Im Oktober sind Stand-up-Comedians zu Gast.
Abseits des Künstlerischen stehen heuer zwei große Vorhaben an: Zum einen sucht das Ensemble ein neues Teammitglied, das Förderprogramme recherchiert und Anträge verfasst; zum anderen will man zu einer eigenen Spielstätte kommen – und die nächste Saison bereits dort eröffnen.
Titelbild: János Klotz
Text: Zsófi Rick
Übersetzung: Pathy
























