Mit siebzehn arbeitete sie bereits. Als Teenager hatte sie noch keinen konkreten Plan, wusste nicht, welchen Weg sie einschlagen wollte. „Ich bin arbeiten gegangen, weil es das Einfachste war“, erinnert sie sich. Jahre später kam dann das, was seither ihren Alltag prägt: das Nähen. Arbeit, Berufung, Leidenschaft. Die Schneiderin Sabrina Lederer erzählt den Leserinnen und Lesern von Rólunk.
Sabrina wurde in Oberwart (Felsőőr) geboren. Ihre Mutter stammt aus Szombathely und lebt seit langer Zeit in Österreich; hier lernte sie Sabrinas österreichischen Vater kennen. Sabrinas Kindheit war von häufigen Wechseln geprägt: Die Familie zog oft um, und so besuchte sie Schulen und Einrichtungen auf beiden Seiten der Grenze. In Rechnitz (Rohonc) ging sie in den Kindergarten und in die erste Klasse, danach besuchte sie eine Schule in Pecöl (Komitat Vas). Später war sie Schülerin der Paragvári-Utcai-Grundschule in Szombathely und besuchte auch die Schule in Olad. Sie wuchs in zwei Kulturen auf und erwarb Ungarisch und Deutsch gleichzeitig. Zweisprachigkeit ist für sie nicht nur ein Vorteil im Alltag, sondern auch Identität: Sie ist überzeugt, dass ein Mensch mit zwei Sprachen mehr ist. „Ich habe auch jahrelang in Ungarn gelebt, aber wirklich zuhause fühle ich mich in Österreich. Im Burgenland gibt es viele Ungarn, ich benutze die Sprache regelmäßig. Ungarische Kundinnen und Kunden drücken sich leichter in ihrer Muttersprache aus, und sie sind erleichtert, wenn sie hören, dass ich Ungarisch spreche. Vielleicht sind sie deshalb offener und schenken mir mehr Vertrauen. Und Deutsch bietet mir eine stabile Grundlage im Kontakt mit österreichischen Auftraggebern.“
Sie studierte nicht weiter, begann mit siebzehn zu arbeiten und zog bald von zuhause aus. Lange Zeit arbeitete sie in einer Fabrik, doch nach einigen Jahren war ihr die Monotonie zu viel – ihr fehlte die Kreativität, das Gefühl, etwas zu erschaffen. „Als Erwachsene habe ich begonnen, mich weiterzubilden: vier Jahre lang besuchte ich neben Arbeit und Familie eine Abendschule.
Ich wollte eine Aufgabe, die spannend ist und inspiriert – etwas, in dem ich gestalten und verwirklichen kann. Ich habe mich für das Nähen entschieden. Vom ersten Moment an spürte ich: Es lädt mich auf, hebt mich, und ich kann mich ständig weiterentwickeln – Tag für Tag werde ich dadurch mehr. Das ist mein Weg.
Einmal traf mich wie ein Blitz die Idee, dass ich gerne ein Brautmodengeschäft eröffnen würde. Auf den Gedanken folgten Taten: Ich machte mich selbstständig und erfüllte mir den Traum. 2022 eröffnete ich in Unterwart (Alsóőr) meinen Salon.“
Die Wiener Schneidermeisterin Carmen Hutter war bei einem Besuch in Unterwart in Sabrinas Geschäft gekommen. Zwei Fachfrauen trafen aufeinander: Sie sprachen lange miteinander, und seit diesem Moment verbindet sie eine Freundschaft. Carmen unterstützt ihre jüngere Kollegin mit jahrzehntelanger Erfahrung, Routine und Wissen. „Eine meiner spannendsten Arbeiten bisher war das Brautkleid einer Freundin. Ich hatte auf diesem Gebiet noch keine Erfahrung, aber ich nahm die Herausforderung an. Wir entwarfen das Kleid gemeinsam – es gab keinen Plan B. Es war ein intensiver Lernprozess, auch in Bezug auf Selbsterkenntnis: Ich hatte mich in so einer Situation noch nie geprüft, bin ohne Zögern hineingesprungen – und es hat geklappt. Ich war sogar zur Hochzeit eingeladen, und den mehr als zwei Meter langen Schleier trug ich bis zum Altar: Das war ein kathartisches Erlebnis. Nicht nur, weil ich sah, wie die Braut meine Arbeit lebendig und wirklich machte, sondern auch wegen meiner persönlichen Rolle – ich durfte sie begleiten. Das bestätigte mir, dass ich damals richtig entschieden habe.“




Drei Jahre lang war der liebevoll geführte, stimmungsvolle Salon in Unterwart ihre Basis. In den letzten Monaten zeichnete sich jedoch ab, dass es immer schwerer wurde, in allen Bereichen gleichzeitig zu hundert Prozent zu bestehen. Verkauf, Nähen, Präsenz in sozialen Medien, Weiterentwicklung durch Kurse – parallel dazu Familie, Kindererziehung und Haushalt. Ihre Tochter ist dreizehn, ein Teenager, und braucht die ständige Aufmerksamkeit ihrer Mutter. Die Motivation war riesig – leider auch die Belastung. Bis zur zweiten Hälfte des Jahres 2025 dauerte diese Phase. Dann kam die Zeit der Neuplanung. „Es war eine schwere Entscheidung. Wochenlang habe ich gerungen, was der richtige Schritt ist. Am Ende habe ich zugesperrt. Den Verkauf habe ich beendet, die Schneiderei habe ich nach Hause verlegt. Ich machte eine kurze Pause, regelte die Angelegenheiten der Firma, organisierte den Alltag neu – und im Jänner dieses Jahres startete ich wieder. Ich hatte mehr Erfahrung, war bewusster. Die Werkstatt ist jetzt in einem Zimmer unserer Wohnung. So kann ich meine Zeit besser einteilen, effizient arbeiten, Dinge erledigen – und nicht zuletzt für meine Tochter da sein. Es ist für mich unverzichtbar, mit ihr zusammen zu sein. Das Kleid, das ich beim burgenländischen Ungarnball vor Kurzem getragen habe, haben wir zum Beispiel gemeinsam entworfen: Jasmine machte eine Skizze, dann steckten wir beide den Stoff an der Schneiderpuppe ab. Wenn ich abends arbeite, sitzt sie neben mir. Es ist ein Abendprogramm, auf das wir uns beide freuen.“


Beim Nähen ist sie wie Gombóc Artúr (die Kultfigur, die ‚alle Sorten‘ liebt): Sie übernimmt Aufträge vom Kürzen einer Hose über die Änderung eines Ballkleides bis hin zum Nähen eines Maturaball-Outfits – die Palette ist breit. Sie plant, künftig die Meisterprüfung abzulegen, und besucht dafür regelmäßig Fortbildungen. Ihr Ziel ist es, selbst entworfene, individuelle Kleidung anzufertigen. Auch für Herrenschneiderei interessiert sie sich – das erfordert eine eigene Qualifikation. „Nähen ist für mich Berufung. Wenn ich heute entscheiden müsste, was ich mache, würde ich wieder dasselbe wählen. Wenn ich mich an die Maschine setze und im Hintergrund meine Lieblingsmusik läuft, hört die Welt um mich herum auf. Vieles habe ich mir autodidaktisch beigebracht. Ich versuche, mich ständig weiterzuentwickeln, neue Trends und Richtungen zu lernen. Praxis, Durchhaltevermögen und meine Mentorin haben mir sehr geholfen. Im August werde ich 38. Die letzten Jahre haben mich gelehrt, abzuwägen, Grenzen zu ziehen, Geduld zu üben und zu akzeptieren, dass man nicht alles gleichzeitig verwirklichen muss.“ Der frühe Einstieg ins Berufsleben und das spätere Lernen am Abend sind Teil jenes Weges, der sie zu der gemacht hat, die sie heute ist: Sabrina Lederer, zweisprachige Schneiderin.






Fotos: Sabrina Lederer
Text: Mónika Gombás
Übersetzung: Pathy






















