Im Jahr 2024 startete das Europa-Büro der Bildungsdirektion Wien eine internationale Initiative als Reaktion auf die Folgen der Pandemie und der Klimakrise. Im Rahmen dieser grenzüberschreitenden Zusammenarbeit entwickeln österreichische und ungarische Partner gemeinsam ein pädagogisches Programm, das auf die Förderung von Lebenskompetenzen bei Kindern im Alter von 6 bis 14 Jahren abzielt. Zudem soll das Projekt nachhaltige Antworten auf gesellschaftliche und mentalhygienische Herausforderungen geben, die junge Menschen betreffen. Ende Juni trafen sich die Projektpartner in Wien und nahmen auch an der ECVA-Konferenz teil, die mit Beteiligung aus 23 Ländern organisiert wurde.
Das Interreg-Projekt mit dem Titel „Entwicklung eines nachhaltigen Programms zur Förderung von Lebenskompetenzen in der Primar- und Sekundarstufe im österreichisch-ungarischen Grenzraum – BOUNCE BACK“ läuft bis zum 31. Jänner 2027. Ziel ist es, ein langfristig tragfähiges Programm zu entwickeln, das die persönliche Entwicklung von Kindern fördert – unter Einbindung von Fachakteurinnen und Fachakteuren beider Länder. Auf österreichischer Seite sind das Europa-Büro der Bildungsdirektion Wien als Konsortialführer, die Private Pädagogische Hochschule Burgenland sowie das Bundesland Burgenland beteiligt. Ungarische Partner sind das ELTE Savaria Regionale Pädagogische Dienstleistungs- und Forschungszentrum in Steinamanger sowie die Benedek Elek Pädagogische Fakultät der Universität Ödenburg.

Im Rahmen der EU-Initiative wird ein gemeinsames pädagogisches Life-Skills-Programm entwickelt, das Lehrkräfte unterstützt, fortbildet sowie Schülerinnen und Schüler gezielt trainiert. Ziel des Life-Skills-Ansatzes ist es, Kindern grundlegende Lebenskompetenzen zu vermitteln, die sie benötigen, um ihren Alltag erfolgreich zu meistern – sei es in der Schule, in der Gemeinschaft, am späteren Arbeitsplatz oder in persönlichen Beziehungen. Das Programm orientiert sich an den zehn Schlüsselkompetenzen der Weltgesundheitsorganisation (WHO): Problemlösung und Entscheidungsfindung, kritisches Denken, Selbstwahrnehmung und Empathie, effektive Kommunikation, Umgang mit Gefühlen, Stressbewältigung, soziale Fähigkeiten sowie Kooperationsfähigkeit.
Das jüngste Partnertreffen des Projekts fand am 23. Juni im Collegium Hungaricum in Wien statt. Das Projektmanagement berichtete über den bisherigen Fortschritt, erreichte Meilensteine und anstehende Aufgaben für die nächste Projektphase. Die Leiterinnen und Leiter der verschiedenen Arbeitspakete präsentierten die bislang umgesetzten Aktivitäten: Arbeitspaket 1 unterstützte die pädagogische Grundlagenforschung. In Arbeitspaket 2 wurden Struktur und interne Zeitpläne für die Entwicklung konkreter Tools festgelegt. Im Rahmen von Arbeitspaket 3 wurden bereits rund fünfzig Schulungen für Eltern, Pädagoginnen und Pädagogen sowie Schülerinnen und Schüler organisiert. Die Themen reichten von emotionaler Bildung, Selbstwahrnehmung und Gemeinschaftsbildung über Gewaltprävention bis hin zur Berufsorientierung. Beim Fachtreffen wurden außerdem formale Aspekte des Programms sowie die nächsten Schritte der europaregionalen Zusammenarbeit abgestimmt.



Die Ausrichtung und Zielsetzung des Projekts stehen in engem Zusammenhang mit den Bestrebungen der European Character and Virtue Association (ECVA). Diese Organisation bietet eine Plattform für Universitäten, akademische Netzwerke, Forschende sowie Praktikerinnen und Praktiker, um gemeinsam Charakterstärke und Tugenden zu fördern – mit dem Ziel, die europäische Bildungspolitik positiv mitzugestalten. Mitglieder sind unter anderem die Universität Birmingham, die Universität Trnava in der Slowakei sowie die Kirchliche Pädagogische Hochschule Wien/Krems. Die traditionelle Jahreskonferenz der ECVA fand heuer vom 24. bis 26. Juni ebenfalls in Wien statt – unter dem Motto: „Was lässt das Leben aufblühen? Der Schnittpunkt von Charakterbildung, Lebenskompetenzen und Bildungszielen.“ An der Veranstaltung nahmen knapp 120 Expertinnen und Experten aus 23 Ländern teil – von Großbritannien bis Singapur. In Vorträgen und Fachgesprächen wurden aktuelle Forschungsansätze und Praxisbeispiele diskutiert, die die Verbindung von Persönlichkeitsentwicklung, Kompetenzorientierung, psychischer Gesundheit und lebenspraktischen Fähigkeiten beleuchten.
Im Zentrum der Konferenz standen Fragen wie: „Wie lässt sich Persönlichkeitsbildung gezielt in den Schulalltag und die Lehrerinnenausbildung integrieren? Welche Rolle spielen Charakterstärken wie Dankbarkeit, Ehrlichkeit, Mitgefühl oder Resilienz für den schulischen Lernerfolg und das persönliche Wohlbefinden? Wie kann werteorientierte Bildung sichtbarer und relevanter in bestehende Bildungspolitiken eingebettet werden?“ Die bisherigen Erkenntnisse zeigen deutlich, dass nachhaltige schulische Leistungen in engem Zusammenhang mit emotionaler Intelligenz, psychischer Widerstandsfähigkeit und bewusster Lebensführung stehen – und dass dieser Entwicklungsprozess am wirkungsvollsten im Zusammenspiel von Schule und Familie gelingt. Auf Einladung der Bildungsdirektion Wien wurde im Rahmen der Konferenz das BOUNCE BACK-Projekt vorgestellt: Dabei präsentierten die Verantwortlichen sowohl die bisherigen Ergebnisse der österreichisch-ungarischen Zusammenarbeit als auch die künftigen Ziele und erwarteten Resultate.




Ein zentrales Element in der praktischen Umsetzung des BOUNCE BACK-Programms ist die gezielte Fortbildung von Lehrpersonen. Am 25. Juni organisierte das ELTE Savaria Regionale Pädagogische Dienstleistungs- und Forschungszentrum in der Neumann János Grundschule in Steinamanger eine zehnstündige Weiterbildung zum Thema Förderung emotionaler Intelligenz. Ziel des Trainings war es, Lehrkräfte darin zu bestärken, sowohl die Emotionen ihrer Schülerinnen und Schüler als auch ihre eigenen besser wahrzunehmen, bewusst damit umzugehen, die Selbstreflexion zu vertiefen und die emotionale Entwicklung der Kinder gezielt zu begleiten. Die Fortbildung wurde von Teréz Pulay geleitet, die mit praxisnahen, spielerischen Übungen das Bewusstsein für Gefühle und Beziehungsfähigkeiten stärkte. Besonders hervorgehoben wurde, dass das Erkennen und der konstruktive Umgang mit Emotionen – in einer zunehmend technologiegeprägten Welt, ob online oder offline – von grundlegender Bedeutung ist.
Die Förderung emotionaler Intelligenz ist ein langfristiger Prozess – im Alltag gewinnt sie jedoch zunehmend an Bedeutung. Sie trägt wesentlich zu gelingenden zwischenmenschlichen Beziehungen, wirkungsvoller Kommunikation und einem konstruktiven Umgang mit Konflikten bei. Im Laufe des Seminartages wurden unter anderem folgende Fragen aufgeworfen: Warum ist es wichtig, auf Gefühle zu achten? Was genau bedeutet EQ (emotionale Intelligenz)? Warum sollte er gefördert werden? Wie erkennen wir die Gefühle anderer? Und wie können wir durch den bewussten Umgang mit unseren eigenen Emotionen erfolgreicher werden? Neben theoretischem Wissen wurden auch zahlreiche spielerische Übungen und Aufgaben vorgestellt, die den Tag für die Teilnehmenden zu einer lockeren, gemeinschaftlichen Erfahrung machten. Dabei wurde unter anderem veranschaulicht: Würde man Bewusstsein und Unterbewusstsein in greifbaren Maßeinheiten vergleichen, stünden etwa 11 Millimeter bewusste Wahrnehmung rund 16 Kilometern unbewusster Prozesse gegenüber. Gerade deshalb ist es so wichtig, auch das Unbewusste wahrzunehmen, anzunehmen und gezielt zu reflektieren.






An der Weiterbildung in Steinamanger nahmen auch Mitarbeiterinnen der Bildungsdirektion Burgenland teil: Judit Makkos-Káldi, Fachinspektorin für den Ungarischunterricht an Gymnasien sowie Berufsbildenden Mittleren und Höheren Schulen, und Andrea Hütler, Fachinspektorin für den Ungarischunterricht an Pflichtschulen. Judit Makkos-Káldi erklärte: „Die Förderung von Resilienz war schon immer ein Thema, doch in letzter Zeit erfordert sie deutlich mehr Aufmerksamkeit. Gerade deshalb sind diese grenzüberschreitenden Kooperationen so wirkungsvoll: Die gemeinsam erlebten Situationen, gesammelten Erfahrungen und die speziell dafür entwickelten Unterrichtsmaterialien lassen sich im Austausch besser analysieren, erproben und weiterentwickeln. Durch diesen kollektiven Denkprozess gelingt es uns, sowohl in Ungarn als auch in Österreich, die Bedürfnisse der Kinder viel differenzierter wahrzunehmen. Gemeinsam erreichen wir mehr als jede oder jeder für sich allein – denn letztlich stehen wir vor denselben oder sehr ähnlichen Herausforderungen.“

Andrea Hütler bekräftigte, dass die Förderung der emotionalen Intelligenz ein drängendes Thema sei. Sie fügte hinzu: „Wenn man allein das Tempo betrachtet, in dem sich die digitale Welt entwickelt, wie sich die künstliche Intelligenz Tag für Tag ausweitet und perfektioniert – und demgegenüber sieht, wie langsam sich die emotionale Intelligenz (EQ) entwickelt –, dann ist es eine große Herausforderung, beides auf ein gleiches Niveau zu bringen. In den Schulen beobachte ich zunehmend Probleme – bei den Kindern, aber auch in den Familien. Wir können nur dann Lösungen anbieten und wirklich helfen, wenn wir um diese Probleme wissen. Besonders spannend und lehrreich war heute die Herangehensweise der Kursleiterin, der Künstlerpädagogin Teréz Pulay: Gerade jetzt, am Ende des Schuljahres, sind wir alle erschöpft. Dennoch gelang es ihr, uns mit kreativen, humorvollen Aufgaben zu motivieren und das zentrale Thema praxisnah und anschaulich zu beleuchten.“
Die fachliche Bedeutung des BOUNCE BACK-Programms zeigt sich auch darin, dass die gemeinsame Arbeit der österreichischen und ungarischen Partner die Aufmerksamkeit der internationalen Expertengemeinschaft auf sich gezogen hat.
Text: Mónika Gombás
Übersetzung: Pathy















